Kurzgeschichten

Timmy und Jimmy feiern Weihnachten

Dieses Weihnachtsfest sollte das erste sein, das wir als junge Familie alleine feierten. Bisher war es üblich gewesen, dass wir uns unseren Eltern und Geschwistern anschlossen. Aber jetzt, wo wir Kinder hatten, wollten wir ein eigenes Fest mit eigenem Baum in unserem eigenen Wohnzimmer feiern. Zugegeben, es fühlte sich merkwürdig an, fast so, als würden wir ein zweites Mal von Zuhause ausziehen. Wir wollten es dennoch. Es war ein Zeichen unserer Reife, so dachten wir, es dokumentierte, dass wir nun wirklich erwachsen geworden waren.

Timmy war etwas über zwei Jahre alt, und Jimmy war gerade geboren worden. Der einzige der beiden kleinen Autisten, der also für ein Weihnachtsgeschenk in Frage kam, so fanden wir, war Timmy. Er liebte Autos über alles, auch wenn er natürlich nicht im herkömmlichen Sinne mit ihnen spielte, sondern sie lediglich betastete und vor allem mit dem Daumen an ihren Hinterrädern drehte. Wir hielten es deshalb für eine gute Idee, ihm ein schönes großes Geschenk zu machen, das irgendetwas mit Autos zu tun hatte. Schließlich war es unser erstes echtes Familienweihnachtsfest, und natürlich sollte es etwas Besonderes sein.

Wir entschieden uns für eine mehrstöckige Spielzeugautogarage, in der Timmy seine Autos herein- und herausfahren lassen oder sie mit einem Fahrstuhl auf die oberste Ebene transportieren konnte. Sorgsam achteten wir darauf, dass der ältere der Brüder nichts von dem Kauf mitbekam, und wickelten den großen Karton stolz in schönes Geschenkpapier ein.

Unsere Vorfreude auf Timmys glückliches Gesicht wuchs, je näher der Heilige Abend rückte.

Endlich war es so weit! Wir hatten einen lärmigen Gottesdienst mit vielen Kindern über uns ergehen lassen, aus dem Timmy fortwährend flüchten wollte, weil ihm die Lautstärke der Kinderstimmen und die Musik auf die Nerven ging und weil er sich durch die Gerüche der Menschen belästigt fühlte und weil wir ihm die Bedeutung der weihnachtlichen Tradition nicht begreiflich machen konnten. (Um ehrlich zu sein, begannen wir unter diesen Umständen selbst am Sinn der Tradition zu zweifeln.) Schließlich betraten wir erschöpft wieder unsere Wohnung und gingen sofort zum wichtigsten Teil des Abends über: der Bescherung.

Timmy hatte schon herausgefunden, dass das größte Geschenk des Abends für ihn bestimmt war, und konnte es kaum erwarten, das Papier endlich aufzureißen. Wir mussten ihm dabei helfen, denn seine Hände waren noch zu kraftlos und ungeschickt, um es mit dem Klebefilm und dem starken Papier aufnehmen zu können. Dann lag der große Karton endlich vor ihm, und Timmy beäugte ihn argwöhnisch. Ein großes Bild zeigte die Garage in voller Aktion: Autos schienen darauf hinein und hinaus zu rasen, und zwar so schnell, dass sie nur ganz verschwommen zu sehen waren. Unser Sohn blickte uns mit großen Augen an.

„Na“, sagten wir, „wie findest du das? Freust du dich?“

„Schokolade?“ antwortete Timmy.

„Nein, Timmy, das ist eine Garage für deine Autos! Da kannst du jetzt immer schön deine Autos drinne parken lassen. Das ist ganz toll!“ fügten wir energisch hinzu, weil uns langsam dämmerte, dass Timmy sich überhaupt nicht freute. Stattdessen kramte er im bunten Papier herum, das jetzt verstreut auf dem Boden lag, um nach weiteren Geschenken zu suchen. Doch so leicht würden wir uns nicht geschlagen geben. Timmy, so meinten wir, hatte einfach nur noch nicht begriffen, was für ein grandioses Geschenk er da von uns erhalten hatte. Wir mussten es ihm nur verständlich machen, und dann würde er sich freuen, genauso wie wir es vorausgesehen hatten.

Resolut schnappte sich meine Frau die Pappschachtel und öffnete sie. „Komm“, sagte sie, „wir bauen die Garage mal auf!“
„Guck mal, Autos“, assistierte ich hilflos und deutete auf das Bild der Verpackung, weil unser Sohn doch Autos so liebte und ich inständig hoffte, dass dieser Hinweis seine Laune retten würde.
Aber in der Schachtel befanden sich keine Autos. Nur eine unendliche Vielzahl an quietschbunten Plastikteilchen, die erst zusammengesetzt eine Parkgarage ergeben sollten. Mit zitternden Händen machte sich meine Frau daran, die Elemente zusammenzusetzen, während ich hilflos Ermutigungen und Beschwichtigungen stammelte. Uns war mittlerweile klar geworden, dass hier eine ganz große Pleite drohte.

Als meine Frau schließlich die Parkgarage zusammengebaut hatte und in einem letzten verzweifelten Versuch, den Abend zu retten, mit gespieltem Triumph Timmys Geschenk vor ihn auf den Boden stellte, stieß der kleine Autist einen Schrei aus, packte das kantige Ding und schleuderte es ihr an den Kopf. Das war zu viel. Sie brach in Tränen aus, und es war klar, dass unser Kampf um ein fröhliches Weihnachtsfest für dieses Mal verloren war.

„Scheiß doch auf den scheiß Heiligabend“, zischte sie. „Ich will spazieren gehen.“
„Aber“, protestierte ich, weil ich meine Hoffnung auf ein traditionelles, beschauliches Fest noch nicht ganz begraben hatte, „wir feiern doch gerade unser erstes eigenes Weihnachten! Du kannst doch jetzt nicht spazieren gehen!“
„Mir ist die Lust auf Feiern vergangenen“, schniefte sie. „Lass uns rausgehen und bei den Leuten in die Fenster gucken.“
Ich sah es ein: Es war zwecklos. Dieser Abend war nur noch dadurch zu retten, dass wir so taten, als wäre es der ganz normale Abend eines stinknormalen Wochentages.

Wir packten beide Jungs warm ein, setzten sie in den großen Doppelkinderwagen, den wir ‚das Schiff‘ getauft hatten, und durchstreiften schweigend und deprimiert die Stadt. Draußen war es dunkel, kalt und sehr still. Aus den Fenstern der Häuser leuchteten vereinzelt matte Lichter: Kerzen, Lichterketten und anderer üblicher Weihnachtsschmuck. Die frische Luft und die Bewegung taten gut.
„Wer sagt denn überhaupt“, dachte ich, „dass diese Leute, die da hinter ihren Gardinen und vor ihren Bäumen hocken, wirklich glücklicher sind als wir?“
Meine Frau wandte sich an mich und hatte jetzt wieder ein leichtes Lächeln auf den Lippen. „Weißt du, worauf ich Lust habe?“ fragte sie.
„Nee, worauf?“
„Döner!“
„Leck mich am Arsch“, sagte ich fröhlich, „warum eigentlich nicht?“

Wir lenkten das Schiff Richtung Wilhelm-Kaisen-Platz, dorthin, wo unser Lieblingsimbiss war, und bestellten uns jeder einen schönen großen Döner. Im Laden war es uns zu warm, außerdem hatte das Schiff darin keinen Platz, und es war zu umständlich, beide Kinder aus dem Wagen zu hieven. Also stellten wir uns draußen an die Straße, direkt neben einen Stromkasten, und betrachteten das heiligabendliche Treiben unseres kleinen Städtchens. Just in diesem Augenblick läuteten die Glocken der nahen Kirche, die Christmette war gerade zu Ende gegangen. Und so kam es, dass, während wir in unsere Döner bissen, gutgekleidete Damen und Herren wie in einer Prozession an uns vorbeizogen, auf dem Weg zu ihrem Festessen, und uns argwöhnisch musterten.

Ich komm mir vor wie die heilige Familie“, grinste ich mit vollem Mund.
„So was Ähnliches habe ich auch grad gedacht“, grinste sie zurück. Dann mussten wir beide lachen. Unser erster eigener Heiliger Abend war nicht gerade vorschriftsmäßig verlaufen. Aber dafür war er unvergesslich.

 

Zwei Brüder namens Timmy und Jimmy

Wir nennen sie Timmy und Jimmy. Natürlich heißen sie nicht wirklich so. Es hat sich einfach ergeben. Wie genau, wissen wir nicht mehr. Vielleicht lag es daran, dass Timmy, der ältere der beiden Brüder, damals, als er gerade mal ein Jahr alt war, eines seiner Matchbox-Autos dicht vor sein Gesicht hielt, mit dem Daumen unentwegt am Hinterrad drehte, und immer wieder timmi-timmi-timmi-timmi lallte. Und dann lachte er, ein fettes, nasses Kleinkindlachen aus lauter Begeisterung über das großartige Wort, das er entdeckt hatte. Timmys Freude an diesem Spiel war so groß, dass er den ganzen Tag eigentlich nichts anderes machte, als timmi zu sagen und am Rad zu drehen. Seine gute Laune schlug allerdings in Wut und Frustration um, wenn wir ihn bei seinem Spiel unterbrachen, z. B. um ihm etwas zu essen zu geben oder die Windel zu wechseln. Dann konnte er spucken und fauchen, schlagen und kratzen. Seine Stimmung hellte sich erst wieder auf, wenn er zu seinem Timmi-Spiel zurückkehren durfte.

Wir fanden das merkwürdig. Aber Freunde und Bekannte wussten uns zu beruhigen. “Unsrer war auch so”, pflegten sie zu sagen. Oder sie begannen Sätze mit den Worten “Das ist ja noch gar nichts, MEINER hat neulich …” oder auch “Kinder lieben eben Wiederholungen …” oder “Gut, wenn er früh lernt, zu sagen, was er will …” Selbst als feststand, dass Timmy Autist ist, hörten die Verharmlosungen und unzutreffenden Vergleiche nicht auf. Im Gegenteil, sie nahmen sogar zu. Ab jetzt begegneten wir ihnen nur anders. Weil wir verstanden, dass es den Leuten gar nicht darum ging, uns zu beruhigen, sondern vielmehr darum, sich selbst zu vergewissern, dass immer noch alles in Ordnung war und dass das Leben nach den alten Regeln weitergehen würde, taten wir ihnen den Gefallen und bekräftigten alles, was sie sagten. Wir vermieden es, ihnen zu erklären, wie es wirklich um unser Familienleben stand, und antworteten stattdessen “Ja, genau, ne?” und lächelten dabei oder “Ach, wirklich?”, während wir ein sehr erstauntes Gesicht machten. Alles andere hätte ihre Sicht auf die Welt wahrscheinlich zu sehr aus den Fugen gehoben. Und dafür wollten wir nicht auch noch verantwortlich sein. Timmy, so lieb wir ihn hatten und so großartig er auch war, reichte eigentlich.

Und dann kam Jimmy. Timmys kleiner Bruder schien ein ganz normales Kind zu sein. Auch wenn wir es merkwürdig fanden, wie er direkt nach der Entbindung noch auf dem Arm der Hebamme seinen Kopf hin- und herwand und mit seinen riesigen Augen förmlich alles aufsaugen wollte, was sich im Kreißsaal fand. Diese unglaubliche Unruhe und Wissbegierde sollte ihn nie mehr verlassen. Wir fanden das zwar anstrengend, aber nicht ungewöhnlich. Größere Schwierigkeiten machte uns seine seltsame Angewohnheit, leise und monoton vor sich hinzusprechen. Wir fanden heraus, dass er uns eigentlich gerade etwas erzählte. Da er aber weder das Wort an uns richtete, noch uns dabei ansah, hatten wir es gar nicht bemerkt und währenddessen den Raum verlassen.

Auch Jimmy war ein Autist. Ein etwas anderer zwar als Timmy, aber eben auch einer. Während man den älteren Bruder als frühkindlichen Autisten bezeichnete, galt der jüngere als Asperger Autist. Wow. Wir hatten zwei Kinder, und beide hatten sie Autismus. Das war eine Trefferquote von 100 Prozent!

Natürlich hieß auch Jimmy nicht wirklich Jimmy. Der Altersunterscheid der beiden betrug etwa zweieinhalb Jahre. Und während Jimmy, aufgrund seiner Agilität und Neugierde, sich schon sehr früh durch Robben und Kullern fortbewegte, begnügte der phlegmatische Timmy sich damit, auf seinem Hintern zu sitzen, am Rad zu drehen und timmi zu sagen. Mit Timmys Ruhe war es jedes Mal schlagartig vorbei, wenn Jimmy auf den Plan trat. Dann nämlich robbte und kullerte der jüngere der Autisten solange durch den Raum, bis er im Wortsinn auf Timmy stieß und nach allem grabschte, was seine kleinen Greifer erreichen konnten. Timmys Wutgeheul war nicht nur in der Wohnung, sondern im ganzen Treppenhaus zu hören, wobei er sein Lieblingswort ‚timmi‘ mit so viel Kraft, Verachtung und Atemluft ausspie, dass es eher wie ‚tschimmi‘ klang.

Man könnte uns Eltern mangelndes pädagogisches Feingefühl vorhalten, dass wir unserem jüngeren Sohn den Wutschrei des älteren als Spitznamen gaben. Natürlich. Wir würden daraufhin allerdings nur mit unseren dunkel umrahmten Augen rollen und sagen, dass wir für derlei Lappalien gerade nicht den Kopf frei haben. In einem anderen Leben vielleicht, sicher, in einem anderen Leben hätten wir das womöglich nicht getan.

Dieses Leben jedenfalls, das nun unseres war, nahm seinen Gang. An der Hand von Timmy und Jimmy stolperten wir in eine Reihe von Abenteuern, die wir uns so nie ausgesucht hätten. Oder vielleicht sollte ich es anders formulieren: Das Leben selbst wurde zu einem einzigen Abenteuer. Banale Alltagssituationen, die andere Eltern mit gelangweilter Lässigkeit meisterten, wandelten sich für uns zu Prüfungen auf Leben und Tod, ob es sich um Einkäufe, das Steigenlassen von Drachen oder Kindergeburtstage handelte. Das Leben wurde schrill und kräfteraubend.

Aber es wurde auch wunderschön. Und häufig war es sehr, sehr komisch.

 

Timmy guckt Waschmaschine

Timmy liebte alles, was sich drehte. Die Räder seiner Spielzeugautos, die Lichterpyramiden mit dem drehenden Propeller aus dem Erzgebirge, Ventilatoren, Windräder und natürlich: Waschmaschinen! Seine Vorliebe für Waschmaschinen begann wahrscheinlich, als er seiner Großmutter dabei zuschaute, wie sie Wäsche in die Maschine stopfte und diese dann anstellte. Seitdem war es um Timmy geschehen. Er konnte für die Dauer eines gesamten Waschvorgangs vor der Waschmaschine hocken, wenn wir ihn ließen, und der sich drehenden Trommel zusehen. Das waren immerhin neunzig bis hundertzwanzig Minuten!

Man könnte denken, dass uns das entlastet hätte. Schließlich ist es besser, ein Kind vor der Waschmaschine zu parken als vor einem Fernseher. Das Problem war nur, dass Timmy nie ganz alleine sein wollte, wenn er seinem ausgefallenen Vergnügen nachging. Und die Maschine stand im Keller. Wir hatten also nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: Entweder wir ertrugen Timmys andauerndes Gequengel, dass er endlich Waschmaschine gucken wollte. Oder wir begleiteten ihn in den Keller. Sehr häufig lief es auf letzteres hinaus.

Während Timmy von der Waschmaschine gut unterhalten wurde, starben wir vor Langeweile. Im Keller war es kalt, wir hockten auf harten Fliesen und starrten auf den Timer der Maschine, der kaum merklich weiterkroch. Natürlich brachten wir uns öfter etwas zu lesen mit. Aber abgesehen davon, dass ein Stockwerk über uns die Arbeit wartete und uns ein schlechtes Gewissen bereitete, wollte auch Timmy wieder und wieder mit uns über das packende Erlebnis eines Waschvorgangs ins Gespräch kommen. Wenn die Vorwäsche beendet war, die Trommel ausschwang und der Schaum innen an der Glasscheibe herunterglitt, war Timmy verunsichert. Jedes Mal drehte er sich, direkt vor der Maschine hockend, zu uns um und lispelte erschrocken: „Ist die jetzt fertig?“ Die Antwort gab die Maschine selbst, denn plötzlich klackte es, was in der eingetretenen Stille eher wie ein Knallen klang, und laut schoss frisches Wasser in die Trommel, so dass Timmy einen erschrockenen Satz zurück machte und sich bei uns in Sicherheit brachte. Dann setzte sich die Maschine erneut in Bewegung, hielt wieder an, neues Wasser schoss ein, und so weiter. Erst wenn die Drehbewegungen der Trommel gleichmäßiger wurden, traute sich der kleine Autist wieder dicht vor die runde Tür und starrte durch das Glas.

Der Höhepunkt jedes Waschganges ist natürlich das Schleudern. Dieses besaß für Timmy eine gruselige Schönheit, Schrecken und Genuss vermischten sich auf bittersüße Weise, so wie es für andere Leute sein mag, wenn sie einen Horrorfilm oder einen Autounfall betrachten. Was Timmy regelmäßig fast schon in Panik versetzte, war die Heftigkeit und Lautstärke des Vorgangs. Unwillkürlich sprang er in dann auf und lief ein paar Schritte von der Maschine weg. Er flüchtete jedoch nicht ganz aus der Waschküche, denn was er jetzt hinter der dicken Glasscheibe beobachten konnte, was das schönste, herrlichste und betörendste Kreiseln, dass man sich vorstellen kann, schöner als jeder Ventilator. Sowie der Lärm eine gleichmäßige Lautstärke erreicht hatte und nicht mehr an- oder abschwoll, tastete sich Timmy zurück zur Maschine und blieb mit einer Art ängstlicher Faszination davor hocken.

Gottseidank gibt es das Internet. Es gibt solch großartigen Webseiten wie Youtube, wo jeder Nutzer eigene kleine Filme veröffentlichen kann. Und es gibt Menschen, die, so wie Timmy, interessante Vorlieben haben. Waschmaschinenenthusiasten zum Beispiel. Als wir entdeckten, dass man mit einem Mausklick Hunderte, wenn nicht Tausende von Videos finden kann, in denen Liebhaber die einzelnen Waschgänge ihrer Waschmaschinen abfilmen, wussten wir endlich, wie wir die langweiligen Stunden auf den harten und kalten Fliesen der Waschküche vermeiden konnten. Wir setzten Timmy vor den PC und ließen ihn Videos anschauen. Gleichzeitig, beruhigten wir uns, würden wir auf diese Weise seine Medienkompetenz schulen. Während nun also die Geräusche diverser Waschmaschinen und Waschvorgänge in unserem Wohnzimmer erklangen, konnten wir endlich wieder unseren sonstigen Verpflichtungen nachgehen. Einer der häufigsten Sätze, die er in dieser Zeit sagte, war: „Kann ich Waschmaschinenvideos gucken?“ Er durfte, und zwar einmal am Tag für etwa 20 Minuten.

Doch Timmys ausgefallenes Hobby erfuhr noch eine Steigerung. Es begann mit einem Besuch in Bielefeld. Als wir blinkend an einer Ampel der Herforder Straße standen, um bei Grün endlich links in die August-Bebel-Straße abbiegen zu dürfen, sah Timmy nach vorne durch die Windschutzscheibe auf die direkt vor uns liegende Straßenecke und fragte: „Was ist das da?“ ‚Das da‘ war ein Ladenlokal mit riesigen Fenstern und einem großen Neonwerbeschild darüber, auf dem zu lesen war: ‚SB-Waschsalon‘. „Das ist ein Waschsalon“, beantworteten wir seine Frage so unschuldig wie möglich, während ich es plötzlich kaum noch erwarten konnte, dass die Ampel endlich umsprang. „Was ist ein Waschsalon?“ piepste Timmys kleiner Bruder Jimmy neugierig. Unglaublich, wie lange hier in Bielefeld die Rot-Phasen dauerten. War die verdammte Ampel kaputt, oder was? „Also, das ist ein Geschäft“, begann meine Frau die unvermeidliche Erklärung, „in dem Menschen ihre Wäsche waschen können.“ Zwei Zauberworte schwebten wie schillernde Seifenblasen durch unser Auto: ‚Wäsche‘ ‚waschen‘. „Gibt’s da auch Waschmaschinen?“ wollte Timmy wissen. Er mochte erregt sein, aber seine Sprechweise war so langsam wie immer. Endlich: Grün. Ich gab Gas. „Ja, sagte meine Frau“, während sie mir ein schiefes Grinsen zuwarf, „da gibt’s auch Waschmaschinen.“ Wir ließen uns erst gar nicht auf den Kampf ein. Ohne, dass es eines weiteren Kommentars bedurft hätte, stieß ich in die erstbeste Parklücke, die sich in der August-Bebel-Straße bot.

Wir blickten erwartungsvoll nach hinten zu Timmy und Jimmy. Erstaunlicherweise sahen wir keinen vor Erwartung und Neugierde platzenden kleinen Jungen. Timmy blickte uns nachdenklich entgegen. „Möchtest du mal reingehen und sie dir ansehen?“ fragte ich schließlich. „Ich weiß nicht“, sagte er bedächtig. „Ist es da drinne laut?“ „Kann sein“, erwiderte meine Frau, „nicht sehr, aber vielleicht ein bisschen. Wenn du willst, gehe ich mit dir da rein. Da gibt es ganz viele Waschmaschinen.“ Timmy blieb wortlos sitzen und dachte nach. In ihm rangen die unterschiedlichsten Gefühle um die Vorherrschaft –  Neugierde, Angst, Bequemlichkeit, Abenteuerlust – was man seinem ausdruckslosen Gesicht aber nicht ansah. Dann gab er sich einen Ruck. „Ja“, sagte er einfach und öffnete die Autotür. Jimmy, der keine Lust auf Waschmaschinen hatte, und ich blieben sitzen, während Timmy und meine Frau sich händehaltend dem Waschsalon näherten.

Im Rückspiegel beobachtete ich, wie die beiden zunächst vor einem der Schaufenster stehenblieben und lange hineinsahen. Ganz sicher waren die Geräusche der Waschmaschinen und Trockner auch auf der Straße zu hören. Ob Timmy sich trotz der Lautstärke trauen würde, den Laden zu betreten? Offensichtlich waren die sich verführerisch drehenden Trommeln doch stärker als seine Angst vor Lärm, denn schließlich wandten sich die beiden dem Eingang zu und gingen langsam, immer noch Hand in Hand, hindurch.

Auf der Weiterfahrt war Timmy sehr still. Sie waren etwa zehn Minuten in dem Salon geblieben, dann waren die Eindrücke für Timmy zu viel und zu stark geworden, und sie hatten den Laden wieder verlassen. „Fandst du das gut?“ wollte ich wissen. „Hat dir das Spaß gemacht?“ „Ja“, antwortete Timmy gewohnt einsilbig. Und mehr wollte er dazu nicht sagen.

Nachdem wir in unser kleines Universitätsstädtchen zurückgekehrt waren, verging einige Zeit, ohne dass das Erlebnis im Waschsalon noch einmal thematisiert wurde. Uns war nicht ganz klar, ob Timmy tatsächlich kein Interesse mehr daran hatte oder ob er insgeheim die Erfahrung verarbeitete und darüber brütete. Doch eines Tages war es soweit: „Gibt es bei uns eigentlich auch einen Waschsalon?“ wollte er wissen. „Keine Ahnung“, sagte ich ehrlicherweise – ich hatte es bisher bewusst vermieden, mich mit der Frage zu beschäftigen – „vielleicht, bestimmt, also, ich kann ja mal im Internet nachschauen.“ Während von Timmys Notebook die Geräusche eines Schleuderganges herüberdrangen, durchstöberte ich diverse Internetseiten. Und tatsächlich, unsere kleine Stadt hatte einen einzigen Waschsalon, der gleichzeitig ein Bistro war. Ich behielt dieses Wissen vorerst noch für mich. Wer wusste schon, wozu es einmal nützlich sein würde?

Dann kam der Sommer und mit ihm zwei Dinge, die Timmy hasste: Hitze und Helligkeit. Während draußen die Welt in Wärme und gleißendes Licht getaucht war, während der Wind durch sattgrüne Blätter rauschte und scheinbar die ganze Welt sich in der Sonne aalen, Bücherlesen und Eis essen wollte, blieb Timmy mürrisch im dunklen Wohnzimmer hocken, wütend darüber, dass er nicht seine Lieblingsminiwaschmaschine, die Superwash2000, im Internet anschauen durfte, weil seine zwanzig Minuten für heute schon verbraucht waren. Alles Flöten und Locken half nichts, Timmy wollte nicht vor die Haustür gehen. Da fragte meine Frau: „Oder soll ich mit dir zum Waschsalon fahren?“ In das versteinerte Gesicht unseres kleinen Autisten kehrte Leben zurück. Er hob den Blick und sagte langsam „Waaaas?“ „Ob ich mit dir zum Waschsalon fahren soll? Wir gehen zur Bushaltestelle und fahren mit dem Bus dorthin. Ich weiß, wo das ist.“ „Wirklich?“ „Ja, wirklich!“ „Und finden wir dann den Weg auch wieder zurück?“ „Ja, natürlich, Timmy, ich kenn den Weg.“ Pause. „Hast du Lust?“ Pause. „Ja.“

Sie kehrten beide zufrieden zurück. Timmy ging, nachdem ich die Haustür geöffnet hatte, wortlos an mir vorbei, zog die Schuhe aus und setze sich auf seinen Lieblingsplatz auf dem Teppich des Wohnzimmers.  Schließlich war meine Neugierde zu groß. „Und, wie war’s?“ fragte ich ungeduldig. „Toll“, antwortete meine Frau grinsend. „Ich habe einen Kaffee getrunken und gelesen, Timmy hatte ein Eis und hat Waschmaschine geguckt. Und das Beste ist“, fügte sie listig hinzu, „die Trockner haben auch Glastüren! Und keiner wundert sich über uns. Alle denken, wir warten auf unsere Wäsche.“ Wir lachten verschwörerisch. Damit hatten wir ein weiteres Premium-Ausflugsziel hinzugewonnen, mit dem wir Timmy vor die Haustür locken konnten und an dem wir sogar den Anschein erwecken konnten, als seien wir eine ganz normale Familie.