Am vergangenen Sonntag erwachte ich von einem tiefen, ruhigen Schlaf. Ich musste kurz überlegen, wo ich war. Und dann lächelte ich. Mir war ein Gedanke gekommen, der mich glücklich machte: Werder Bremen hatte am Vorabend in Berlin gewonnen. Nicht nur das. Es war überhaupt der erste Auswärtssieg der Bundesligasaison gewesen und sie hatten kein einziges Gegentor kassiert: Auch ein Novum in dieser Spielzeit.

Es versteht nicht jeder meine Begeisterung für den Fußball. Das ist auch gar nicht schlimm, es kratzt mich fast nie, wenn jemand einen kleinen Witz darüber reißt oder so tut, als würde es sich um eine Schrulle handeln, sei sie nun liebenswert oder nervig. Ärgerlich werde ich bloß, wenn jemand behauptet, Fußball sei banal und unwichtig. Und falls du, liebe/r Leser/in, das für einen Witz hältst, dann täuschst du dich. Es ist mein heiliger Ernst.

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Meine Begeisterung für das Spiel hat in dem Maße zugenommen, in dem auch meine Begeisterung für Kunst und Kultur zugenommen hat. Das war leider erst sehr spät der Fall, und es schmerzt mich beinahe das zuzugeben, denn immerhin habe ich Literaturwissenschaft und Philosophie studiert und mich mit ziemlichem Feuer in die Studien gestürzt – na ja, zumindest zeitweise. Bis ich ein religiöses erweckliches Erlebnis hatte und sich meine Sicht auf die Dinge radikalisierte.

Mein Weltbild war bis dahin strikt dualistisch gewesen, aufgeteilt in das Weltliche und das Geistliche, so wie bei jedem anderen Fundamentalisten auch. Dieser Dualismus begann im Studium aufzuweichen, er verschwand nie ganz, verlor aber seine Kraft, je mehr die Künste und das wissenschaftliche Arbeiten darüber mich faszinierten (nicht, dass ich jemals besonders gut darin gewesen wäre, ich wünschte es mir zwar, musste aber immer wieder einsehen, dass ich allerhöchstens gehobenes Mittelmaß war). Als ich dann eine Begegnung mit Gott hatte, war das wie ein Blitz aus heiterem Himmel, der meine Umgebung in grelles Licht und tiefe Schatten tauchte. Auf einmal war alles glasklar, das Leben teilte sich auf in Dinge, die wichtig, und in Dinge, die unwichtig waren. Und ich beschloss, mich nur noch dem Wichtigen zu widmen.

Ich bin dankbar, dass der Gott, dem ich diese Erkenntnis zuschrieb, mich von dem Irrsinn geheilt hat. Nicht, dass ich die Begegnung mit ihm in Frage stellen würde. Es war ein wichtiges, einmaliges Erlebnis, aus dem viel Gutes erwachsen ist. Aber nicht alles, was ich damals meinte begriffen zu haben war gut und stimmig und richtig. Manches war noch nicht einmal gesund, sondern schlicht krankmachender Blödsinn, und damit meine ich vor allem das strikte Aufteilen der Realität in Wichtiges und Unwichtiges, Bedeutungsvolles und –loses. Diese Aufteilung existiert nur situativ, je nach Lebenslage, aber niemals grundsätzlich.

So richtig begriffen habe ich das erst, als ich lernen musste, meine Rolle als Vater auszufüllen, und die Erfahrung machte, wie mich der ganz banale Alltagswahnsinn an meine persönlichen und charakterlichen Grenzen brachte. Und noch eindrücklicher wurde es in meiner späteren Rolle als Hausfrau und Mutter. Ja, ich weiß, ich sollte schreiben: Hausmann und Vater. Aber das bringt den Punkt nicht rüber, um den es mir geht. Denn wenn man sich als Hausmann und Vater bezeichnet, erntet man dafür fast immer Bewunderung, als Hausfrau und Mutter dagegen nur ein Achselzucken. Beides ist falsch und wird dem Umstand nicht gerecht, wie sehr ein unaufgeräumtes Wohnzimmer oder eine nicht ausgeräumte Spülmaschine die geistige Gesundheit eines Menschen bedrohen kann, für den die stereotype Repetition des Alltäglichen zur unerträglichen Belastung wird. Wer jetzt lacht, hat keine Ahnung. Oder weiß genau, wovon ich schreibe.

In dieser Zeit gab es für mich nur eine einzige Möglichkeit, nicht wahnsinnig zu werden: Ich musste die Banalität des Alltags zu würdigen wissen. Ich musste sie willkommen heißen und feiern. Und damit sind wir wieder bei der Kunst. Und natürlich auch bei der Theologie. Denn die Künste helfen beim Feiern. Wer sich an ihnen freuen kann, hat schon mal einen Trumpf in der Hand. Und wer dann noch Christ ist, der an einen Gott glaubt, der ebenfalls Mensch wurde und schwitzte, pisste und schiss, der hat beste Überlebenschancen.

Je mehr ich den Mut aufbrachte, den Alltag mit offenen Armen zu begegnen, und ihn nicht mehr krampfhaft in eine Aneinanderreihung von Highlights zu verformen, wuchs meine Liebe zu den Künsten wie zu meinem Glauben. Kunst, Alltag und Glauben wurden eins, sie wurden zu unterschiedlichen, aber komplementären Perspektiven auf das Leben, und dieses wurde auf einmal zu etwas sehr, sehr Schönem, und zwar genau so, wie es war, und nicht so, wie es nach meinen ursprünglichen Vorstellungen hätte sein sollen.

Weder die Künste noch der Glaube, und sei er auch christlich, können jemals dualistisch sein, wenn Kunst, Glaube und schließlich Leben heilsam und gut sein sollen.

Und was hat das mit Fußball zu tun? Nun gut, er ist vielleicht doch banal. Und das ist ja gerade das Schöne an ihm. Oder? Er bietet die Möglichkeit, sich geistig zu beschäftigen. Und er ist ein Spiel. So wie alle Kunst und alle Kultur und jede Liturgie letztlich Spiel sind (schlag’s nach bei Gadamer). Der Mensch ist immer ein Spielender, ein homo ludens. Das gehört zu uns, so wie das Lieben, Essen und Schlafen. Wer Mensch ist, spielt. Wer spielt, ist Mensch.

Und deshalb freue ich mich schon auf nächsten Samstag. Da geht es gegen Köln.