Gedichte

Flaschenpost

Es war an einem dieser lauen Tage,
an denen die Jünglinge,
weil sie nicht wissen,
wohin mit ihrer Kraft,
sie in Trägerhemden stecken,
während die Mädchen
ihre Möpse spazieren tragen.

Ich stand am Strand.
Die Wellen schwappten banal
über meine Zehen,
während der Wind mir durchs Haar strich –
so wie Tausenden anderen auch
zur selben Zeit.

Gelangweilt dümpelten Boote an der Mole.
Sie hätten gerne etwas zu tun gehabt.
Doch gefischt wurde hier
schon lange nicht mehr,
und die Touristen blieben aus.

Das Glas der Flasche nahm allmählich
dort, wo ich sie in den Händen hielt,
Körpertemperatur an.
Sie enthielt ein weiteres Lebenszeichen,
ein Stück Papier mit ein paar Zeilen darauf.

Zweifelnd blickte ich über die Wellen.
Verwaschenes Blau-Grau versuchte
eine Frage zu beantworten,
die das weiße Licht nicht gestellt hatte.
Ich warf die Flasche so weit ich konnte.
Noch diesseits der Boote klatschte sie ins Wasser.
Dann schaukelte sie davon
und gesellte sich zum Müll,
den die Ozeanriesen hinterlassen hatten.

Ich öffnete die Hose,
pinkelte ins Wasser
und genoss die flüchtige Wärme des Urins.

 

Vom Loslassen

Hermann ist ein bisschen zwanghaft.
Niemals verlässt er das Haus
ohne einen Regenschirm und
eine Aktentasche,
in der sich alles befindet, was
ihm wichtig ist:

seine Geldbörse,
sein Führerschein,
sein Personalausweis,
sein Impfpass,
ein Kugelschreiber,
ein Foto seiner Kinder
und ein Bierdeckel,
auf dem eine Kneipenbedienung
ihm ihre Telefonnummer
hinterlassen hat.
Sie war dick und hieß Maritta.
Das ist jetzt 15 Jahre her.

Wo Hermann geht und steht,
hat er seinen Regenschirm und
seine Tasche dabei.
Auch jetzt.

Doch verwundert muss er feststellen,
dass es ihm zum ersten Mal
in seinem Leben schwerfällt,
diese beiden Gegenstände festzuhalten.
Dabei ist er eigentlich
ein guter Schwimmer.
Er hat einen kräftigen Beinstoß.
Aber das scheint ihm nichts zu nützen.
Die Wellen sind einfach zu groß.

Hoch über ihm an der Reling
steht der Matrose des Butterfahrt-Kahns,
von dem er eben gerade
ins Wasser gefallen ist.
Schon zum fünften Mal wirft er ihm
den Rettungsring zu.
„Nu halt dich schon fest, du Penner!“

Diesen Ton muss er sich wirklich
verbitten, denkt Hermann,
kurz bevor er absäuft.
Hat dieser Flegel überhaupt
eine Vorstellung davon,
was Dinge einem Menschen
bedeuten können?

 

Smalltalk auf dem Bahnhofsvorplatz

Der Fahrtwind der
vorbeirauschenden Passanten
schlüpft unter die Miniröcke der
bestiefelten Mädchen und
streift ihre seidigen Höschen.

Im Stechschritt paradieren
die Studenten erhobenen Kinns
vorbei an der Tribüne der
stolz thronenden Matronen,
die lüstern ihre Brüste streicheln.

Augen geraaaade-aus!

Und wieder öffnet und
schließt sich dein Mund,
um mühsam eine Silbe hervorzupressen.

Nun spuck es endlich aus!
Wir werden sonst noch überrannt!
Die nächste Büffelherde ist
im Anmarsch!

 

Nachts

Wenn selbst die Straßen schweigen,
vereinzelt Autos brummen,
wenn Fernseher verstummen –
vorbei der bunte Reigen –,

wenn Schatten unseres Sorgens
in Dunkelheit verblassen,
wenn Ängste uns verlassen
bis an den Rand des Morgens,

und etwas stört die Stille,
und ein Mensch geht vor seiner Zeit
auf eine weite Reise,

und ein Kind weint ganz leise,
dann warte eine kurze Zeit,
und es wird wieder Stille.