Flood the Zone with Love

Die Zeichnung eines Kranichs im Flug.

Neulich bin ich zu Fuß zum Einkaufen gegangen. Der Schnee fiel in dichten, großen Flocken, die liegenblieben und in kurzer Zeit eine Schneedecke bildeten. Die Wolken waren dunkel und schwer und hingen tief herab. Und dann hörte ich sie über sie mir: Kraniche. Sie flogen ganz niedrig über die Dächer der Häuser, mitten im Schneegestöber, auf der Suche nach einem sicheren Platz zum Rasten. Ihre Rufe klangen kläglich, als wüssten sie selbst nicht so recht, wie sie in diese Situation hineingeraten waren. „Hey“, rief ich ihnen zu, „ihr habt euch einen beschissenen Tag ausgesucht.“ Aber was sollten sie machen? Sie waren bereits unterwegs und mussten irgendwie irgendwo ankommen.

Es ist nachgewiesen worden, dass sich das Zugverhalten der Vögel tatsächlich verändert hat. Sie beginnen ihre Reisen zu spät, brechen sie ab, kehren wieder um. Die Veränderung des Klimas bringt vieles durcheinander. Es sieht so aus, als wären nicht nur wir mit der derzeitigen Situation auf dem Planeten überfordert. Sie sind es auch.

Vielleicht zum selben Zeitpunkt saß eine Freundin von mir im Bett und blickte aus dem Fenster. Sie konnte es sich leisten, die Fenster zu öffnen, weil der Tag ausreichend dunkel war. Jetzt konnte sie das Bild des herabfallenden Schnees genießen. Zumindest für eine Weile, so lange ihre Kräfte es hergaben. Denn normalerweise liegt sie tagaus, tagein in ihrem verdunkelten Zimmer. An guten Tagen schafft sie es gerade einmal, das Bad selbst aufzusuchen. Sie bleibt dann eine Weile bei den Kaninchen sitzen und genießt die Nähe der Tiere. Anschließend muss sie sich wieder hinlegen. Sie ist deutlich jünger als ich. Vor ein paar Jahren erkrankten wir zur selben Zeit an Covid. Ich wurde wieder gesund. Sie hat seitdem das Fatigue-Syndrom. Das ist keine psychosomatische Erkrankung, sondern eine organische, die bisher noch wenig erforscht ist, was dazu führt, dass Ärzte aus Unwissenheit nicht besonders hilfreiche Ratschläge geben. Die kleinsten alltäglichen Herausforderungen werden für diese Menschen zur Überforderung.

Überforderung. Das ist zu allem Überfluss die Agenda bestimmter politischer Akteure. Im neurechten Jargon heißt die Devise: Flood the Zone with Shit. Grönland. Minneapolis. Kinder, die verhaftet und in Lager gesperrt werden. Menschen, die auf offener Straße erschossen werden. Millionen von Belegen, die einen Ring aus mächtigen Pädophilen sichtbar machen. Auf einen Schlag, unmoderiert, mangelhaft redigiert. Akten tauchen auf, sie verschwinden, dann tauchen sie an anderer Stelle wieder auf. Dazu russische und amerikanische Staatspropaganda in den sozialen Medien, in bestimmten Zeitungen und in den Reden der AfD, des BSW und teilweise auch der anderen Parteien. Ein Mensch, der versucht, all das zur Kenntnis zu nehmen und einzuordnen, hat irgendwann das Gefühl, durchzudrehen. Das ist gewollt. Überforderung ist das Ziel und dann schließlich Apathie, die darauf beinahe zwangsläufig folgt. Was soll man schon machen? Bringt ja eh nichts.

Es fühlt sich so an, als würden die Poren der Seele verstopft. Meine Freundin benutzt gerne das Wort „Durchlässigkeit“, wenn sie von einer Empfindsamkeit, einer sensiblen Wahrnehmung für bestimmte Situationen spricht, in denen Klugheit und Intuition gefragt sind. Diese Durchlässigkeit geht unter dem Druck der Bilder und Informationen verloren. Ein Verlust, den wir uns nicht leisten können, nicht als Individuen, nicht als Gesellschaft.

Lass uns ihnen nicht auf den Leim gehen. Lass uns unsere Durchlässigkeit bewahren, indem wir dem Schneefall zuschauen, dem Ruf der Kraniche lauschen, den Kindern beim Spielen zusehen oder auch den Kaninchen, indem wir uns unsere Geschichten erzählen und am Leben der anderen teilhaben. Flood the Zone with Love.


Dies ist ein GOFIGRAMM, das Editorial meines kostenlosen Newsletters GOFIZINE. Den Newsletter veröffentliche ich unter https://steady.page/de/gofimueller. Du kannst ihn dort abonnieren.

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