Geistesgegenwart, Mut und Nachsicht

Gestern Abend habe ich einen Spaziergang durch den verschneiten Wald vor unserer Haustür gemacht. Etwas weiter vorn auf dem Weg sah ich einen Mann und ein Kind, das Schlitten fuhr. Als ich den Mann erreichte, lächelte er mich an und sagte: Sie haben ja gar keinen Schlitten dabei. Ich musste lachen: Genau dasselbe habe ich auch gerade gedacht.

Das stimmte wirklich. Als wir vor knapp zwanzig Jahren hierherzogen, freute ich mich darauf, die steilen Waldwege mit dem Schlitten hinunterzufahren. Dazu ist es nie gekommen. Denn wie Du weißt, sind die Winter in den vergangenen Jahren meistens eher mild ausgefallen. Solch eine klirrende Kälte wie zuletzt hat es selten gegeben.

Gestern also hätte ich die Gelegenheit nutzen können, meinen alten Traum zu erfüllen. Ich habe es nicht getan. Ich glaube sogar, dass wir keinen Schlitten mehr haben. Wir haben ihn einfach nie gebraucht. Nicht schlimm. Ich habe eben einen Winterspaziergang gemacht, die eiskalte Luft genossen und den Wald, der durch den Schnee jetzt ganz anders und irgendwie aufregend aussah.

Später am Abend habe ich mich mit Freund*innen zum openSPACE online getroffen. Das ist ein Videocall, der einmal im Monat stattfindet und bei dem wir über das Leben und den Glauben sprechen. Die Teilnehmer*innen wohnen an unterschiedlichen Orten in Deutschland. Gestern sprachen wir über das Thema ‚Chancengleichheit‘: Wem werden welche Chancen im Leben zugestanden und wem nicht? Wie kommt es dazu oder warum nicht? Wir haben uns mit Aussagen konfrontiert und darüber nachgedacht, ob sie auf uns zutreffen:

* Geldsorgen spielen in meinem Leben bisher eher keine Rolle. * Mir war früh klar, welche Möglichkeiten der Bildung es gibt.
* Fehler oder Umwege in meinem Lebenslauf hatten keine negativen Folgen.
* Existenzängste kenne ich eher nicht.
* Ich habe Menschen in meinem Leben, die mir Möglichkeiten eröffnen können.
* Ich musste selten erklären, woher ich komme.
* Ich habe gelernt, meine Interessen selbstbewusst zu vertreten.
* Meine Lebensrealität gilt meist als „normal“.

Ein Spaziergang im Schnee zu Beginn eines neuen Jahres, das fühlt sich ein bisschen wie ein Neuanfang an. Wie ein weißes Blatt Papier. Als würde der erste Monat neue Möglichkeiten für das Jahr eröffnen. Aber die Startvoraussetzungen sind bei uns allen sehr unterschiedlich. Nicht alle haben die gleichen Chancen. Und trotzdem werden sich für uns alle in den nächsten Monaten unerwartete Gelegenheiten ergeben, bei denen es darauf ankommen wird, ob wir geistesgegenwärtig und mutig genug sind, sie zu nutzen.

Das wünsche ich Dir für das kommende Jahr: Geistesgegenwart, Mut. Und auch Nachsicht mit Dir selbst. Denn was für Dich möglich sein wird und was nicht, das wird auch von Umständen abhängen, die Du nicht oder nur wenig beeinflussen kannst.

Lass uns das Beste draus machen. Und freundlich zu uns sein, wenn es nicht hinhaut. Denn wenn auch das Schlittenfahren nie Wirklichkeit werden sollte, dann freue Dich doch wenigstens am Spaziergang und der schönen Aussicht.

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