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Gespräch unter den Pferden des Achilles (aus der Reihe ‚Männer, die sitzen‘)

PEDASOS:
den stier bei den hörnern zu packen, ist das eine. mit dem klar zu kommen, was anschließend passiert, ist eine völlig andere sache.

BALIOS:
das ist wahr. es gibt menschen, die deshalb glauben, dass es ratsamer sei, auf ihm zu sitzen, statt vor ihm zu stehen. denn es hat den vorteil, dass der stier den auf ihm sitzenden nicht aufspießen kann.

XANTHOS:
es stellen sich dadurch jedoch neue herausforderungen.

PEDASOS:
richtig. denn es ist möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich, dass er nicht geritten werden möchte. in diesem falle wird er sich wehren und versuchen, den reiter abzuwerfen.

BALIOS:
in einer solchen situation drängt sich die frage auf, ob es weiterhin ratsam sei, die hörner gepackt zu halten. sollte man nicht besser loslassen?

PEDASOS:
aber was dann? wird der stier den reiter nicht abwerfen?

XANTHOS:
mit sicherheit.

BALIOS:
wohin soll er dann fliehen? wird sich der stier nicht umdrehen und ihn zertreten oder eben doch aufspießen?

XANTHOS:
natürlich.

PEDASOS:
es sei denn, es gelingt dem reiter, der jetzt kein reiter mehr ist, sich vor den stier zu stellen und ihn von dort aus an den hörnern zu packen.

BALIOS:
ist das klug?

PEDASOS:
womöglich nicht. aber wenn er es täte: was würde dann wohl passieren?

XANTHOS:
der stier würde den kopf hin und her werfen und versuchen, sich loszureißen.

BALIOS:
würde es dem menschen gelingen, die hörner dennoch festzuhalten?

PEDASOS:
vielleicht, wenn es sich um herkules oder achilles handelt.

BALIOS:
und wenn nicht?

XANTHOS:
dann nicht.

PEDASOS:
ob man nun also auf dem stier sitzt oder vor ihm steht – es scheint in wirklichkeit nicht möglich zu sein, seine hörner zu packen und sie anschließend festzuhalten. es drängt sich daher die frage auf, welchen sinn dieser rat haben soll.

BALIOS:
welcher rat?

PEDASOS:
der rat, den stier bei den hörnern zu packen.

XANTHOS:
man sollte die frage stellen, wer dies rät. es steht zu vermuten, dass es nicht die sind, die vor dem stier stehen.

PEDASOS:
es sind also die umstehenden. was sollten sie sonst raten?

XANTHOS:
sie könnten darauf hinweisen, dass die möglichkeit besteht, davonzulaufen.

BALIOS:
ist der stier nicht zu schnell?

XANTHOS:
womöglich. dennoch bestünde die chance, ihm zu entkommen. das käme selbstverständlich auf die gegebenen umstände an. verwinkelte gassen etwa wären günstig, um ihm zu entfliehen. eine weide dagegen nicht.

PEDASOS:
wenn nun die umstände ungünstig wären, wäre es da nicht ratsamer, den stier bei den hörnern zu packen?

XANTHOS:
nicht unbedingt ratsamer. aber auch nicht ungünstiger. das ende wäre in etwa das gleiche.

BALIOS:
warum also wird geraten, einen stier bei den hörnern zu packen?

PEDASOS:
argumentiert wird im allgemeinen mit einer art heroismus. man stellt sich vor, dass es ehrenhafter sei, einen angreifenden stier bei den hörnern zu packen, als vor ihm davonzulaufen. außerdem, so wird behauptet, sei es erfolgversprechender.

BALIOS:
worin könnte der erfolg denn bestehen? soll man es etwa darauf anlegen, den stier zu boden zu werfen?

XANTHOS:
das wird wohl kaum gelingen.

BALIOS:
was sonst könnte das ziel des unterfangens sein? geht es darum, ihn festzuhalten?

PEDASOS:
in diesem falle wäre es ihm immerhin nicht möglich, den menschen aufzuspießen.

BALIOS:
das ist wahr. aber wielange soll dieses festhalten andauern?

PEDASOS:
das einzig sinnvolle ziel scheint darin zu bestehen, dass dieser ringkampf ausgetragen wird, bis einer der beiden kontrahenten davon ablässt. es wird also siegen, wer länger durchhält.

BALIOS:
und wer wird das ihrer meinung nach sein?

XANTHOS:
das fragen sie ernsthaft?

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