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Hinschauen, Zuhören, Glauben schenken

Mein neuer Roman ist jetzt seit über einem Monat veröffentlicht. Inzwischen habe ich richtig schöne, positive Rückmeldungen erhalten von Menschen, die ihn gelesen haben oder gerade lesen. Sie erzählen mir, dass sie von der Handlung förmlich mitgezogen werden, dass sie sich immer schon auf das nächste Kapitel freuen, es spannend finden, dass der Roman so vielstimmig ist und einen Blick in so viele unterschiedliche Leben gewährt.

Über eine Rückmeldung habe ich mich ganz besonders gefreut. Denn sie nimmt Bezug auf einen Teil der Geschichte, der echt schwierig ist. In WUT. LIEBE. FILMRISS. wird eine junge Frau sexuell belästigt, setzt sich dagegen zur Wehr und muss dafür einen hohen Preis bezahlen. Das ist schwerer Stoff, der nicht leicht zu schreiben gewesen ist.

Ich finde es dennoch sehr wichtig, darüber zu schreiben, gerade auch als Mann. Sexualisierte Gewalt von Männern an Frauen und auch Femizide (ebenfalls ein Thema des Buches) sind gesellschaftliche Realität. Das haben wir Marburger gerade erst in der vergangenen Woche wieder erfahren, als eine 35‑jährige Frau erstochen im Gebüsch gefunden wurde, ganz in der Nähe eines beliebten Einkaufszentrums. Ihr Ex-Freund wurde von der Polizei gefasst und sitzt in Haft.

In der Nähe dieser Glascontainer in Marburg ist eine ermordete junge Frau gefunden worden. Kerzen und Blumen sind als Zeichen ihres Gedenkens niedergelegt worden.

Diese Realität muss benannt werden. Auch in Romanen und eben nicht nur in Sachbüchern und Zeitungsartikeln, weil wir sie in Geschichten nachempfinden können, weil Geschichten es uns ermöglichen, uns in die Gefühlswelt der Opfer, aber auch der Täter zu versetzen. Dadurch erfahren wir – hoffentlich – eine stärkere Sensibilisierung für gewisse Themen und die Möglichkeit, unseren eigenen Schattenseiten zu begegnen.

Aber es ist eben auch riskant, wenn ich mich als Mann in die Lage eines weiblichen Opfers versetze. Was kann ich schon darüber wissen, wie es sich anfühlt? Ich kann nur mein Bestes geben und mich so einfühlsam wie möglich in diese schreckliche Lage hineinversetzen.

Deshalb hat mich A.s Rückmeldung wirklich sehr gefreut. Ich habe sie gefragt, ob ich sie hier zitieren darf, und sie hat es freundlicherweise erlaubt:

„Hey, hab mir dein Buch in Dänemark in überraschender Geschwindigkeit komplett reingezogen. 🤩 Es hat mir wirklich sehr gut gefallen. Es war eine schöne Mischung verschiedener Dramen. Ganz besonders geliebt habe ich die Einschübe von Denis. Man liest fast nie Szenen aus der Sicht von autistischen Menschen oder Menschen mit Behinderungen. [E]s ist eine schöne Art der Normalisierung dieser Perspektiven. […] Als Betroffene von sexualisierter Gewalt (auch von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz) war ich sehr zufrieden mit deiner Darstellung. Und ich bin da hyperkritisch, weil natürlich einfach sehr empfindlich. Kaum jemand traut sich, diese Form der Gewalt so subtil (verhältnismäßig) darzustellen, weil man ja möchte, dass die Leser*innen verstehen, wie schlimm das ist. Viele entscheiden sich für reißerische Szenen, aber so läuft das meist nicht ab. Es ist auch so typisch, dass der Täter mal ablässt, sich zeitweise zurücknimmt und plötzlich wieder zuschlägt. Genauso wenig trauen sich die meisten, die Reaktion des Opfers so komplex darzustellen. Sie wehrt sich ja schon, aber sie versucht vorher lange, durch eine Änderung ihres Verhaltens oder durch ihre Klamotten das Unabwendbare abzuwenden. Sie sieht den Täter auch als eine komplexe Person, sieht sich in einer Abhängigkeit und kann ihn nicht nur verabscheuen. Zumindest nicht am Anfang. Und sie geht in Situationen, von denen sie weiß, dass sie heikel sind, weil sie sich beruflich weiterentwickeln möchte. Das ist sehr nah an der Realität der meisten Betroffenen.

Viele stellen das Opfersein dann infrage. Aber es ist eben alles immer sehr viel schwieriger, undurchsichtiger und komplexer, als es in Medien dargestellt wird.

Von daher auch hier ein Kompliment von mir.“

In dem Chat über WhatsApp habe ich A. erzählt, dass ich es erschreckend gefunden habe, wie leicht es mir gefallen ist, mich in die Rolle des Täters zu versetzen und seine Gefühle nachzuvollziehen. Sie schrieb mir dazu folgendes:

„Dass es dir so erschreckend leichtfiel, die Sichtweise des Täters in deinem Buch zu schreiben, ist eine voll wichtige Erkenntnis. Wir neigen immer dazu, sexualisierte Gewalt oder überhaupt Misogynie zu individualisieren, aber es ist ja ein klares gesellschaftliches Muster. Wir können uns viel besser in Täter reinversetzen als in Opfer, weil wir mit den Denkmustern der Täter sozialisiert werden und sie allgegenwärtig sind. Nicht alle führen deshalb Taten aus, aber wir alle sehen mal weg, hinterfragen schneller und intensiver die Sicht des Opfers, identifizieren uns mit der Perspektive der dominanten Gruppe, also mit (weißen) Männern, und werten die anderen schneller ab. So ticken wir leider.

Ich wünschte, mehr Menschen, vor allem Männer, würden mal die Erfahrung machen, die du gemacht hast, und sich dann weitergehend damit auseinandersetzen, warum sie diese Perspektive so gut abrufen können. Ganz ohne Schuldzuweisungen, sondern einfach als nüchterne Erkenntnis, dass wir offenbar die eine Perspektive schneller einnehmen als die andere. Ich nehme mich da nicht aus. Bis ich angefangen habe, mich von der Täterperspektive zu lösen und mal meine eigene als valide angenommen habe, sind sehr viele Jahre vergangen.“

Ich weiß, das ist alles ganz schön schwerer Stoff für einen Newsletter, der Dir helfen möchte, gut in die nächste Woche zu starten. Ich habe es Dir trotzdem zugemutet, weil es nötig ist. Wir müssen lernen, hinzuschauen, auch wenn es wehtut. Und wir müssen lernen, den Opfern von Gewalt zuzuhören und ihnen Glauben zu schenken, ganz egal, um welche Art von Gewalt es sich handelt.

Ich wünsche Dir – trotz allem – eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!

Dein Gofi

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Einfach schön und riesengroß

ich stehe neben dem 5X5 m großen Gemälde.

Du erinnerst Dich vielleicht, dass ich Dir vor einigen Wochen von dem großen Gemälde geschrieben habe, das ich gemeinsam mit Freund*innen aus meiner Kirche gemalt habe.

Es war eine schöne und irgendwie auch waghalsige Aktion. Denn wir wussten zwar, dass und wie wir malen wollten (mit Reisigbesen, Stoffen, Asche und Kohle, mit angekohlten Ästen und Seilen). Aber wir wussten nicht, WAS wir malen würden.
Das alles für eine Konferenz, die an einem bekannten, öffentlichen Ort in Marburg stattfand und von etwa 300 Menschen aus ganz Deutschland besucht wurde.

Die Verantwortung für das künstlerische Konzept dieser Veranstaltung lag bei mir. Es wurde Monate im voraus „Kunst von Gofi Müller“ versprochen, noch bevor ich überhaupt wusste, was wir machen würden und ob das erfolgreich sein würde.

Diese Verantwortung wurde ich selbstverständlich nicht los, auch dann nicht, als ich die anderen mit ins Boot holte. Das wollte ich auch gar nicht. Es ging mir vielmehr darum, nicht als einsames Genie dazustehen, bei dem man gar nicht weiß, wie sie/er auf diese Gedanken kommt. Dieser Geniekult ist sowas von 18. Jahrhundert und einfach totaler Quatsch. Unser Kunstwerk sollte zeigen: Es ist schön, es ist fett und eigentlich kann das jede/r.

Deshalb habe ich mir das Konzept gemeinsam mit Frixe, Harald und Michael ausgedacht, wobei gerade Haralds Expertise unschätzbar wertvoll war. Das Bild gemalt habe ich mit Christian, Caroline, Frixe und Harald, wobei ich auch hier wieder Harald hervorheben möchte, der mit mir gemeinsam bis zum Schluss gearbeitet und das Gemälde ganz maßgeblich mit komponiert hat.

Schließlich haben wir noch eine Plastik hinzugefügt, die aus den Malinstrumenten errichtet wurde, die wir benutzt haben. Dabei haben mir Anke und Michael geholfen, ohne die ich das nicht geschafft hätte.

Die Kunst musste groß und eindrücklich sein, denn sie durfte nicht als Dekoration missverstanden werden. Es sollte klarwerden, dass sie ein eigenes, inhaltliches Statement setzt: Aufbruch als Gemeinschaft ins Ungewisse, der Glaube daran, dass daraus etwas Schönes entstehen kann, organisches Wachstum statt Malen nach Zahlen, ein Fest wilder Ideen.

Die Reaktionen der Besucher*innen waren sehr, sehr positiv. Ich habe viele Gespräche geführt über Kunst und Kreativität und über den Mut, unkonventionell zu denken und zu handeln.

Jetzt bin ich happy. Und erschöpft. Dieses Projekt hat mich seelisch stärker unter Druck gesetzt, als ich es wahrgenommen habe. Ich mache erstmal für ein paar Tage Pause. Unten folgt noch eine kleine Fotostory.

Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!

Dein Gofi

Um das Gemälde überhaupt aufhängen zu können, musste eine Traverse installiert werden, die von zwei Motoren nach oben gezogen wurde. Zuerst wurden die oberen zwei Panels installiert und in die Höhe gezogen,
dann folgten die unteren beiden, die mit den oberen verschraubt wurden. Die Rahmen bestanden aus Aluminium. Die Leinwand wurde in dafür vorgesehene Nuten gekedert.
Schließlich wurde das Bild an seinen Platz gehoben.
Weil wir auch Asche und Kohle verwendet haben und die Farbe sehr dick und pastos verwendet haben und weil von den Reisigbesen auch einzelne Zweige hängen blieben, hat das Gemälde eine schöne strukturierte Oberfläche und wirkt sehr räumlich.
Die Struktur der Plastik sah am Ende so aus.
Sie wurde mit weißem Papier umhüllt. An die obere Front kam einer der Stoffe, mit denen wir gemalt hatten, als eine Art Kranz oder Halo.Beleuchtet wurde die Plastik in verschiedenen Farben.
So sah das ganze Ensemble während der Veranstaltung aus. Auf den Bühnen sind auch noch große Drucke von Nahaufnahmen des Gemäldes zu sehen.
Chaos und Kosmos, Acryl, Asche, Kohle und Zweige auf Leinwand, 500 x 500 cm, 2026. (Danke an Winnie Haupt für das Foto)
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Wie es dazu kam, dass ich auf der Buchmesse vorgelesen habe

Ich bin auf der Buchmesse in Frankfurt gewesen und habe dort eine Lesung gehalten. Mein neuer Roman wurde am Stand des Verlags wunderschön präsentiert. Darüber freue ich mich wirklich sehr!

Aber ich will auch ehrlich sein. Das ist keine ganz normale, fast natürlich zustande gekommene Erfolgsstory, „weil ich halt gut bin“. Und sie dauert schon viel länger, als es den Anschein hat. Dreizehn Jahre, um genau zu sein.

Ich bin erst das zweite Mal auf einer Buchmesse gewesen. Das erste Mal liegt jetzt vier Jahre zurück. Nach diesem ersten Besuch habe ich mir geschworen, nie mehr wiederzukommen.

Ich hatte gehofft, dass ein literarisches Werk, das bei einem Verlag veröffentlicht worden ist, mir vielleicht die eine oder andere Tür im Literaturbetrieb öffnen würde. Aber mein Buch ‚Huchting‘ war schon seit einiger Zeit erschienen und verkaufte sich schlecht.

Meine Hoffnung war allerdings älter viel als ‚Huchting‘. Schon 2013 hatte mich eine Literaturagentur unter Vertrag genommen und mir in Aussicht gestellt, einen Platz für mich bei den großen Verlagen zu finden. Das gelang nicht. Zwei Jahre später löste ich den Vertrag auf und machte auf eigene Faust weiter. Ich veröffentlichte den Roman ‚TimTom Guerilla‘ selbst und machte Lesungen in Wohnzimmern und kleinen Locations.

Bei meinem ersten Messebesuch begegnete ich also dieser Welt, die mich nicht haben wollte, sichtbar und geballt in mehreren riesigen Hallen. Die großen Häuser zeigten ihre Macht durch imposante Werbetafeln, ihre Logos prangten über riesigen Ständen, überlebensgroße Porträts von Autor*innen überall, von zahlreichen Bühnen hörte man die Stimmen wichtiger Menschen, denen andere gebannt zuhörten.

Ich sah auch die Stände der kleinen Verlage, unscheinbar und an den Rand der Hallen gedrängt. Und dazwischen ich, ein ganz normaler Messebesucher, der von der unfassbaren Menge an Büchern, Menschen und Informationen überfordert war. Und der mit dem ganzen Treiben absolut nichts zu tun hatte, obwohl er es seit über 10 Jahren hartnäckig versuchte. Als ich nach Hause fuhr, stand für mich fest, dass ich mir meine Niederlage nie wieder so ins Gesicht reiben lassen wollte. Es tat zu weh.

Auf der Buchmesse mit den brandneuen ausgaben von WUT. LIEBE. FILMRISS., TIMTOM GUERILLA und HUCHTING.

Und dann kam 2026. Ich habe einen neuen Verlag gefunden und bin vorgestern doch wieder zur Messe gefahren. Diesmal hatte ich immerhin eine Funktion in dem großen Treiben. Mein Buch wurde gezeigt, meine Stimme gehört. Das bedeutet nicht, dass ich jetzt Teil des Literaturbetriebs wäre. Dass ich es jemals werde, ist eher unwahrscheinlich. Und ich glaube, das ist auch gar nicht wirklich erstrebenswert. Autor*innen tauchen auf und ganz schnell wieder ab. Andere werden aus verschiedenen Gründen gar nicht erst zugelassen. Die Arbeit mehrerer Jahre wird mit einigen wenigen Sätzen verrissen. Vom Schreiben leben, können nur die allerwenigsten.

Was ich stattdessen habe, ist viel wertvoller. Zum Beispiel einen kleinen Verlag, den ich jetzt schon liebe, weil ich mit Lisa und Tobias über alles reden, Ideen austauschen, die Bälle zuspielen kann, der mir eine Plattform und Unterstützung anbietet, wie ich sie selten erfahren habe. (Der Verlag ruach.jetzt hat mir die Lesung auf dem Podium Rheinland Pfalz überhaupt erst ermöglicht.)

Und natürlich Dich. Du, die/der Du meinen Newsletter liest, Dich interessierst, Anteil nimmst, mich ermutigst und vielleicht sogar finanziell unterstützt. 

Also, ja, ich bin dankbar für mein Buchmessenerlebnis vom vergangenen Wochenende. Ich habe überhaupt nichts gegen ein großes Publikum, und ich freue mich sehr darüber, dass mir auf der Messe Menschen zugehört haben, die vorher gar nicht wussten, dass es mich gibt.

Aber viel wichtiger ist mir eine kleinere Gruppe aus Bekannten und Freund*innen, die sich aufrichtig für das interessieren, was ich tue, und davon profitieren. Die vergangenen, oft harten Jahre haben uns zusammengeführt. Danke, dass Du dazugehörst.

Ich wünsche dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!

Dein Gofi

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In was für einer Welt möchtest Du gerne leben?

Gestern stand ich gemeinsam mit etwa 3000 Menschen im strömenden Regen vor der Marburger Stadthalle. Wir demonstrierten. „Keine Macht der AfD“ hieß das Motto, und es war ermutigend zu sehen, dass so viele Menschen sich auch durch das ungemütliche Wetter nicht abhalten ließen, ihre klare Haltung deutlich zu machen.

Die Redner*innen gaben sich alle Mühe, einen guten Job zu machen. Aber je länger ich zuhörte, desto unruhiger wurde ich. Alles, was auf der Bühne gesagt wurde, wussten wir, die wir vor der Bühne standen, bereits: dass die Rechte von behinderten Menschen nicht beschnitten werden, dass Menschen mit Migrationsgeschichte nicht benachteiligt und diskriminiert werden dürfen, dass diese Partei in ihren Forderungen russische Staatspropaganda verbreitet und dass sie klimaschützende Maßnahmen zurückschneiden will. Und dass es natürlich nicht sein darf, dass Menschen an die Macht kommen, die Nazi-Parolen und -Positionen vertreten, weil wir alle nicht vergessen haben, wie die Geschichte das letzte Mal ausging, als das der Fall war. 

Wir wussten das alles. Deshalb waren wir hier, während uns das kalte Wasser den Rücken hinunterlief. Wir alle warteten auf Impulse von der Bühne, die uns elektrisierten, die uns klarmachten, wofür wir uns positiv gemeinsam einsetzen wollten, jetzt, heute, im September 2026. Aber die kamen nicht. Es wurden kaum Visionen formuliert, hinter die wir uns stellen konnten. Stattdessen wurde uns gesagt, was alles nicht passieren durfte. Das fand ich enttäuschend.

Am Samstag haben wir bei Hossa Talk mit Anna Böck gesprochen. Anna ist Theologin und Aktivistin. Sie hat sich an Aktionen der letzten Generation beteiligt und darüber ein Buch geschrieben: „Ausgeschöpft? – Glauben in der Klimakatastrophe“ heißt es. Anna hat uns sachlich und nachvollziehbar erklärt, warum sie diese Form des Protests sinnvoll findet und was sie dazu motiviert. Und sie fordert die Leserschaft mit einer Frage heraus: In was für einer Welt möchtest Du gerne leben?

Ich habe über diese Frage nachgedacht, als ich im Anschluss an das Gespräch nachts wieder nach Hause fuhr. Dabei hörte ich im Autoradio ein Interview mit einem Unternehmensberater, der gemeinsam mit Firmen Lösungen erarbeitet, die in eine Krise geraten sind. „Das Wichtigste ist es“, sagte er, „dass Sie eine Vision formulieren, hinter die sich alle im Betrieb stellen können. Wenn ihnen das gelingt und wenn Sie in der Lage sind, diese Vision zu vermitteln, dann werden Sie erleben, dass Menschen bereit sind, sich wirklich dafür einzusetzen und sogar Opfer zu bringen.“ 

Das alles klingt am heutigen Montagmorgen noch in mir nach. Welcher Vision für unsere Gesellschaft möchte ich gerne folgen? Wie sieht die Welt aus, in der ich gerne leben möchte? Und was bin ich bereit, dafür zu tun? Vielleicht hast Du auch Lust, darüber nachzudenken.

Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!

Dein Gofi

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Joseph Beuys und die Wahl in Sachsen-Anhalt

Gestern, während die Wahl in Sachsen-Anhalt noch lief, habe ich mich mehrere Stunden lang mit der Kunst von Joseph Beuys beschäftigt.

Ich weiß nicht, ob Dir der Name etwas sagt. Seine größte Bekanntheit hatte er in den siebziger und achtziger Jahren. Man erkannte ihn sofort an seinem Hut, seiner Anglerweste und seinen verschwurbelten, unendlich langen Monologen.

Einige spektakuläre Performances haben ihn in der deutschen Kunstgeschichte verewigt, z. B. wie er mit goldener Farbe angestrichen einem toten Hasen die Kunst erklärte. Aber auch seine Aktion Stadtverwaldung, bei der er 7000 Eichen in Kassel pflanzen ließ, sind im Gedächtnis geblieben. Diese Bäume stehen immer noch und prägen bis heute Kassels Stadtbild. 1986 starb Beuys an einer Lungenentzündung mit Mitte sechzig.

Ich bin kein Fan. Gestern habe ich versucht, mir einen Vortrag eines seiner Schüler anzuhören und habe nach der Hälfte ausgemacht. Es klang zu sehr nach dem Meister: Ein älterer Mann erklärt in schwurbeliger Sprache die Welt und greift dabei auf gefährliches Halbwissen, einige solide Beobachtungen und esoterischen Quatsch zurück.

Und trotzdem hat Beuys seit knapp 20 Jahren einen großen Einfluss auf mich. Was mich vor allem an ihm fasziniert, ist seine Erweiterung des Kunstbegriffes. Beuys hatte kein Problem damit, wenn sich Kunst und Politik vermischten. Er verstand seine Arbeit als bewusstes Einflussnehmen auf die Gesellschaft. Deshalb lieh er sich Gedanken und den Begriff „soziale Plastik“ bei dem Anthroposophen Rudolf Steiner.

Unter Kunst verstand er kreatives, formendes Handeln. Die Gesellschaft war für ihn ein Gesamtkunstwerk, an der alle Menschen beteiligt waren, weil es gar nicht anders ging. Deshalb sagte er: „Alle Menschen sind Künstler.“ Er meinte damit nicht, dass in uns allen irgendwie ein*e kleine*r Künstler*in schlummert, dass wir alle künstlerische Energie haben, die wir nur wecken brauchen, und sei es als Hobby, und dass es letztlich wurscht ist, ob man die Kunst beruflich macht oder ‚nur’ privat.

Für ihn waren wir alle an einem großen Kunstwerk beteiligt. Deshalb haben wir auch eine gewisse Verantwortung, dort, wo wir leben und arbeiten, unseren Teil beizutragen. Seine Kunst bestand unter Anderem darin, Institutionen zu schaffen, die das ganz konkret möglich machen sollten. So schuf er die „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“, die „Free International University“ und schließlich die ‚Stadtverwaldung‘ durch das Projekt „7000 Eichen“.

Okay. Die Bäume stehen noch. Die Organisation und die Universität mag es noch irgendwo in Düsseldorf oder sonstwo geben oder auch nicht. Und jetzt? War Beuys mit seiner Kunst erfolgreich? Vielleicht nicht unbedingt mit den konkreten Aktionen selbst. Aber seine Gedanken und Ideen sind immer noch da.

Ich bin Kunstagnostiker. Ich weiß nicht, wieviel verändernde Kraft ich der Kunst zutraue. Manchmal mehr, manchmal weniger. In dieser Hinsicht, glaube ich, war Beuys zu optimistisch, wenn er die Kunst als das eigentliche Kapital einer Gesellschaft bezeichnete.

Aber ich glaube, daran, dass etwas Schönes geschieht, wenn Menschen sich das gemeinsam als Ziel vornehmen und zusammen daran arbeiten. Ich glaube auch an das Gespräch untereinander und miteinander (das eigentliche Anliegen der „Free University“). Und ich glaube, dass schöne, gemeinsame Erlebnisse verändernde Kraft haben, dass sie Menschen und damit auch Verhältnisse ändern können.

Dafür gibt es großartige Beispiele, zum Beispiel den Verein Polylux in Neubrandenburg (Mecklenburg-Vorpommern), der mit seinem Leitspruch „Mach was Schönes“ ganz konkret gesellschaftliche Verhältnisse verändert – und damit Populisten und Hetzern den Wind aus den Segeln nimmt.

Wenn Beuys das gemeint hat, bin ich doch ein Fan. Und deshalb arbeite ich auch im Anschluss an seine Ideen im Rahmen meiner künstlerischen Arbeit für das Entstehen und Gedeihen von Communities, zum Beispiel im Rahmen von Hossa Talk, durch die Angebote der Webseite Hossarchie oder auch durch meine Zusammenarbeit mit openSPACE aus Fulda und UND/Marburg.

Und wenn sich dabei die Grenzen zwischen Kunst, Religion, Politik und Wirtschaft verwischen, kann mir das ähnlich egal sein wie ihm. Denn er hat recht gehabt: Es ist tatsächlich nötig.

Nach dem gestrigen Wahlsonntag in Sachsen-Anhalt mehr denn je.

Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag.

Dein Gofi

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Was uns durchhalten lässt

Wenn man sich für etwas engagiert, woran man glaubt, dann braucht man einen ganz schön langen Atem. 

Vor neun Jahren ist meine Ex-Frau und beste Freundin in die SPD eingetreten, weil sie etwas gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft tun wollte. Vor drei Jahren, als die Ampelregierung zerbrach, bin ich ihr dorthin gefolgt. Mein Freund Jay war kurz zuvor bei den Grünen eingetreten, und das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Wenn er sich so engagieren konnte, konnte ich das auch. Es ging vor allem darum, ein Statement zu setzen, zu zeigen, was uns wichtig ist und wofür wir uns starkmachen. 

In sechs Tagen wird in Sachsen-Anhalt eine neue Landesregierung gewählt und die AfD stärkste Kraft werden. Der Kampf gegen den Rechtsruck hat bisher, so scheint es, nicht viel gebracht. Lohnt er sich trotzdem? Was motiviert uns, damit weiterzumachen?

Als ich im Juni mit meiner Konzert-Lesung auch in Magdeburg im großartigen Kulturkollektiv in der Arndtstraße auftrat, sprach ich anschließend mit zwei jüngeren Erwachsenen, die durch das städtische Szenemagazin auf den Abend aufmerksam geworden waren. Wir sprachen über die politische Situation und merkten ziemlich schnell, dass wir mit unseren Ansichten nicht weit voneinander entfernt waren. Abschließend sagte der junge Mann: „Vergesst uns nicht. Es gibt hier viele, die für die gute Sache kämpfen.“ Dieser Abend hat uns allen zumindest Mut gemacht und das Gefühl vermittelt, dass wir nicht alleine sind.

Vergangene Woche habe ich viel darüber nachgedacht, was uns auch über lange Zeit motivieren und antreiben kann. Und ich denke, es können weder Angst, Wut noch Empörung sein, auch wenn diese Emotionen berechtigt und manchmal auch notwendig sind. Eine Motivation, die langfristig trägt, muss positiv sein. Die anderen sind Energiefresser, die uns auf Dauer auszehren. Nur die Liebe zu etwas, die Überzeugung von etwas verleiht die nötige Kraft, um durchhalten zu können. Das ist zumindest meine Überzeugung.

Auch der religiöse Glaube kann so etwas sein. Ich habe die ganze letzte Woche sehr konzentriert an einer neuen Webseite gearbeitet, die Elemente anbietet, die man wie Module verwenden kann. Sie sollen dabei helfen, privat oder mit anderen zusammen spirituelle Auszeiten zu gestalten. Die Seite heißt Hossarchie. Sie ist ein Angebot unseres Podcasts „Hossa Talk“ und enthält Gebete, Meditationen, Impulse und andere schöne Dinge. Vielleicht hast Du ja Lust, sie Dir mal anzuschauen. Sie wird in den nächsten Monaten immer weiter wachsen. Ich denke, auch solche gemeinsamen Zeiten, die gemeinsame Konzentration auf das, was gut ist und was das Leben lebenswert macht, helfen uns dabei, durchzuhalten.

Was motiviert mich, mich für die Dinge einzusetzen, an die ich glaube? Diese Frage stelle ich mir selbst. Vielleicht ist das ja auch eine gute Frage an Dich.

Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!

Dein Gofi

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Das Beste aus mehreren Welten

Neulich war meine Freundin bei ihrer Freundin zu Besuch. Diese Freundin weiß ein wenig Bescheid über das, was ich beruflich mache, und dass ich mich häufig öffentlich über den christlichen Glauben äußere. Sie selbst ist nicht religiös. Meine Freundin erzählte ihr, dass demnächst mein neuer Roman erscheint, und schilderte kurz, worum es darin geht. Da sagte ihre Freundin: „Ach, das ist gar kein Christenbuch? Dann kann ich das ja auch lesen.“

Da hat sie vollkommen recht. Es ist kein christliches Buch, es ist nur von einem Christen geschrieben. Das bedeutet natürlich nicht unbedingt, dass man das beim Lesen bemerkt. Und das ist vielleicht für manche verwirrend. Wenn jemand religiös gläubig ist und das auch noch öffentlich, und wenn diese Person außerdem Kunst macht, müsste man das dann nicht der Kunst anmerken? Das ist zumindest ein naheliegender Gedanke.

Er ist so naheliegend, dass diese Tatsache, dass ich beides mache – mich öffentlich zum christlichen Glauben äußern und Kunst – meine Laufbahn als Künstler nicht leichter gemacht hat. Denn es hat einerseits dazu geführt, dass christliche Menschen enttäuscht waren, wenn sie gemerkt haben, dass meine Kunst keine christlichen Themen aufgreift (zumindest nicht sehr offensichtlich). Und es hat bei nicht-religiösen Menschen zu Berührungsängsten geführt, weil sie befürchtet haben, dass das, was ich künstlerisch mache, zu christlich sei.

Du siehst das bestimmt so wie ich: Es ist doch eigentlich wurscht, welches Label irgendwo draufklebt. Grundsätzlich können sich alle doch erst einmal alles anschauen und dann entscheiden, ob es ihnen gefällt oder nicht.

Ja, in der Theorie stimmen wir wahrscheinlich alle zu. In der Praxis jedoch sind wir mit einer Überfülle an Möglichkeiten gesegnet (manche würden sagen: gestraft). Deshalb helfen Labels schon. Zur Orientierung, um von vornherein ausschließen zu können, womit wir uns nicht beschäftigen müssen. Damit wir Zeit und Energie sparen. Das ist verständlich. 

Deshalb haben es Grenzgänger so schwer. Sie gehören weder klar zum einen, noch zum anderen Lager und werden deshalb häufig übergangen. Das erinnert mich ein wenig an die Nashi. 

Diese Früchte sind Nashis. Sie wachsen im Garten der Eltern meiner Freundin.

Der Nashi wird nachgesagt, sie sei eine Kreuzung aus Birne und Apfel. Das ist leider nicht wahr, denn wenn es so wäre, könnten wir sagen, dass man Birnen und Äpfel zwar nicht vergleichen soll, aber immerhin kreuzen kann. Tatsächlich ist die Nashi eine asiatische Birnenform (nashi heißt auf Japanisch „Birne“), die wie ein Apfel aussieht und geschmacklich zwischen Birne und Apfel liegt. Deshalb bezeichnen sie manche auch als Bapfel oder Birpfel. 

Sie liegt also dazwischen und verbindet das Beste aus beiden Welten, könnte man sagen. Und ist das nicht toll? Kann man diese Grenzgängerin nicht einfach nur beglückwünschen, dass sie den Mut hat, sich nicht festzulegen, und ihr dankbar sein, dass sie uns dadurch an einer ganz neuen Geschmackswelt teilhaben lässt?

Unter uns gibt es viele Grenzgänger*innen, Menschen, die sich in mehreren unterschiedlichen Welten zu Hause fühlen. Sie haben es nicht leicht, weil sie Gefahr laufen, dass sie in keiner dieser Welten so richtig verstanden werden. Aber falls Du solch eine Person sein solltest, dann möchte ich Dir gerne danken. Danke, dass Du Dich traust, Dich nicht festzulegen. Danke, dass Du mit uns Erfahrungen teilst, zu denen wir ohne Dich keinen Zugang hätten. Danke, dass Du neue Verbindungen, neue Gedanken und Ideen ermöglichst, von denen wir alle profitieren können.

Bitte, bleibe dabei. Lege Dich nicht auf eine Seite fest. Löse die Spannung nicht auf. Das ist manchmal anstrengend und unangenehm. Aber wir brauchen Dich, um dazulernen zu können. 

Wir anderen sollten währenddessen nett sein zu unseren Nashis und sie nicht zwingen, sich auf Apfel oder Birne festzulegen. Das hilft nicht nur ihnen, sondern auch uns, denn es macht uns alle reicher.

Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!

Dein Gofi

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Tour-Fotostory

Am heutigen Montagmorgen sitze ich noch ziemlich verwuschelt und verpennt am Wohnzimmertisch. Mir gegenüber auf der Stuhllehne sitzt mein Nymphensittich Marx, der sich freut, dass ich von meiner Tourwoche zurückgekehrt bin. Das Touren steckt mir noch in den dann ja doch schon etwas in die Jahre gekommenen Knochen. Aber die Erinnerungen sind schön und noch sehr präsent. Ich dachte, Du freust Dich vielleicht, wenn ich Dich an ihnen teilhaben lasse.

Zur Erinnerung: Vom vergangenen Dienstag bis Samstag sind Martin und ich an mehreren Orten aufgetreten. Ich habe Geschichten aus meinem neuen Roman WUT. LIEBE. FILMRISS. vorgelesen (erscheint im September), und wir haben dazu Musik gemacht.

Das ist die Liste der Geschichten und Lieder, die wir bei unseren Auftritten vorgetragen haben. Das X steht für einen Song, das – für eine Geschichte. Abgesehen von Under the Milky Way (von The Church) haben wir die Lieder passend zu den Geschichten geschrieben. Sie geben die Perspektive der Charaktere wider.
Martin und ich vor dem Flux in Bremen, das nur wenige Meter von einem der Handlungsorte des Romans liegt. Es war ein wirklich fantastischer Abend mit vielen alten Freund*innen, Bekannten und Familienangehörigen. Ein würdiger Tourauftakt.
Wir machen Musik bei unserem Auftritt in Bremen. Bei zwei Stücken habe ich eine wunderschön klingende Posaune gespielt, die fast so alt ist, wie wir. Martins Gitarre ist übrigens auch beinahe so alt wie wir. Und wir sind immerhin 55.
Kurz vor unserem Auftritt in der Jerusalemkirche in Hamburg.
Ich singe, im Schatten halb verborgen spielt Martin Gitarre, bei unserem sehr schönen Auftritt in Hamburg vor Freund*innen, Musikerkollegen und auch einigen Verwandten, was mich besonders gefreut hat.
Im Auto zum nächsten Auftritt in Braunschweig. Als Musiker hat man ziemlich viel Gepäck dabei: Boxen, Kabel, Stative, Instrumente. Da konnten wir leider nicht mit dem Zug fahren.
Wir beiden vor dem Café BRUNS in Braunschweig.
Im Café BRUNS war unsere Bühne die breite Fensterbank. Hier spielt Martin gerade Gitarre …
… während ich dazu singe. Im Hintergrund die Straße, an der das Café gelegen ist.
Das sind die Neumanns aus Magdeburg. Sie bereiten gerade das Schild vor für unseren Auftritt im dortigen Kulturkollektiv.
Und das sind Martin und ich vor dem Fenster des Kulturkollektivs.
Hier siehst Du meine Posaune etwas besser. Ja, es ist eine Ventilposaune. Ja, das ist eher ungewöhnlich.
Wenn man tourt, bildet man sich manchmal ein, dass man sich nicht mehr an seine bisherigen Lebensgewohnheiten halten muss, z. B. rechtzeitig ins Bett zu gehen. Das ist natürlich ein Irrtum. Hier schlendere ich durch die nächtlichen Straßen von Magdeburg.
Den versäumten Schlaf muss man dann anderer Stelle nachholen. Hier versucht es Martin gerade im Auto in einer Berliner Nebenstraße. Das Auto fährt aber nicht.
Wir beiden vor dem Theater Verlängertes Wohnzimmer in der Frankfurter Allee in Berlin.
So sieht der Theatersaal von der Bühne aus aus. Wir sind bereit, aber die Leute sind noch nicht da.
Der Auftritt in Berlin war ein sehr schöner Abschluss dieser Woche. Mehrere Freund*innen sind dagewesen, bei denen es mich sehr gefreut hat, sie mal wiederzusehen.
Wir sind noch in der Nacht von Berlin nach Bremen zurückgefahren, wo Martin lebt und unsere Tour begann. Hier siehst Du mich auf der Rückfahrt im Zug von Bremen nach Marburg. Ich sitze gerne an der Tür auf dem Boden oder laufe während der Fahrt herum. Da habe ich meine Ruhe.

Ich hoffe, es hat Dir gefallen. Danke an Euch, die Ihr unsere Auftritte besucht habt. Es war wirklich schön, Euch zu sehen!

Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!

Dein Gofi

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Was ist wirklich wirklich?

Heute schicke ich Dir liebe Grüße aus Bremen. Ich bin mal wieder zu Gast in dem Haus, das in meinem Roman ‚Haus Stochardt‘ heißt. In diesem Haus lebt der fiktive Schriftsteller Benjamin Stochardt-Barenbaum, in Wirklichkeit aber mein Freund Martin, mit dem ich ab morgen die Konzertlesungen zu WUT. LIEBE. FILMRISS. spielen werde.

Der Name des Schriftstellers erinnert natürlich an Benjamin von Stuckrad-Barre, auch ein Schriftsteller und so wie mein Ben und so wie auch ich ebenfalls ein Pastorensohn. 

Die Figur des Ben ist ein Spiel mit meinem früheren Ich. Wenn ich sehr schlecht gelaunt bin und sehr unbarmherzig auf mein Ego von vor 15 bis 20 Jahren zurückblicke, dann könnte dabei ein ähnliches Bild entstehen wie das, was ich jetzt von Ben zeichne. Dabei mag ich ihn eigentlich. Ich finde nur, dass er sich dämlich verhält. 

Sein Vater ist Pastor in der Bremer Neustadt gewesen. Das Haus, in dem er lebt, ist das Haus seiner Kindheit. Nach seinem Studium in Bielefeld ist er hierher zurückgekehrt. Die Eltern sind inzwischen beide gestorben. Was von ihnen übrig ist, ist die Einrichtung des Hauses, Erinnerungsstücke, Fotos. Ben hat einfach alles übernommen und kaum etwas verändert. Er trägt sein eigenes Chaos dort hinein und verlebt das, was seine Eltern mühsam zu bewahren suchten. Seine Romane schreibt er an dem wuchtigen Schreibtisch des Vaters, an den er keine positive Erinnerung hat. 

Das ist alles frei erfunden. Aber irgendwie ist es auch trotzdem wirklich. Und genau damit spielt der Roman: mit der Frage, was wir als Wirklichkeit akzeptieren und was nicht. Woher wissen wir, was wirklich wirklich ist? Wir erleben, versuchen zu verstehen, machen uns einen Reim darauf, akzeptieren das als unsere Wirklichkeit. Dann erleben wir etwas, das unserer Vorstellung der Wirklichkeit widerspricht, wir erfahren z. B. etwas Neues über eine Person, haben ein Erlebnis, das wir nicht für möglich gehalten hätten. Wir ändern unsere Meinung, das Spiel beginnt von Neuem. 

Natürlich ändern wir unser Wirklichkeitsverständnis nicht grundlegend. Wir variieren es, wir fügen Nuancen hinzu. Manchmal aber passieren dann doch so erschütternde Dinge, dass wir gezwungen sind, alles zu hinterfragen, was wir bis dahin als gegeben akzeptiert haben. Das sind die großen Krisen des Lebens. Wir erleben sie ganz individuell, aber auch als Gesellschaften. 

In meinem Roman passiert genau das einer Gruppe von Leuten, die zunächst nichts miteinander zu tun haben, sich dann aber begegnen und dadurch ihre jeweiligen Wirklichkeiten beeinflussen und verändern. Ben, der Schriftsteller, ist einer davon.

Leider kann ich Dir immer noch nicht genau sagen, ab wann Du das Buch endlich selbst lesen kannst. Mein Verlag hat noch kein Datum genannt. Spätestens im Herbst ist es aber soweit. Ich werde es Dir sofort schreiben, wenn ich es erfahre.

Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag.

Dein Gofi

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Wenn der Mythos Wirklichkeit wird

Blick vom Hafen Thessaloniki zum Olymp, dem Berg, auf dem die ewigen Götter Zeus, Hera, Athene, Aphrodite oder Hephaistos leben, die Schicksale der Menschen lenken und gegeneinander intrigieren. Nicht.

Am Hafenbecken von Thessaloniki entlangzuschlendern und über das Wasser hinweg den Olymp zu sehen, das ist ein irgendwie unwirkliches Gefühl. Oder vor dem Löwen zu stehen, der die Stelle in der thessalischen Ebene markiert, an der der noch jugendliche Alexander der Große und sein Vater Philipp II. die Stadtstaaten in der Schlacht von Chaironeia besiegten und dabei die Heilige Schar fast völlig vernichteten, die Eliteeinheit Thebens, die aus lauter männlichen Liebespaaren bestand.

Der Löwe von Chaironeia, Von Philipp Pilhofer – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, httpscommons.wikimedia.orgwindex.phpcurid=20987356

Oder an den Thermopylen zu stehen, den heißen Quellen, an denen 300 Spartaner unter ihrem König Leonidas die übermächtige persische Armee aufhielten.

Vielleicht kennst Du ein paar dieser Geschichten und Mythen aus dem antiken Griechenland, hast die Namen der Personen und Orte schon einmal gehört. Sie sind Teil unseres Allgemeinwissens. Wir wissen, dass es sie gibt, ohne dass wir ihnen einen besonderen Wert beimessen.

Dann aber die Orte tatsächlich zu sehen und zu erleben, das ist schon etwas anderes. Ich habe mich auf dieser Reise durch Griechenland manchmal gefühlt, als würde ich Mittelerde besuchen. Stell Dir vor, Du spazierst über die Brandyweinbrücke oder besuchst die Gräber der Könige von Rohan, oder ein Guide führt Dich durch die verlassenen Ruinen von Bruchtal: „An dieser Stelle wurde beschlossen, dass Frodo den Ring nach Mordor tragen sollte.“ So etwa.

Es ist faszinierend, wenn tatsächlich existierende Orte die Schauplätze von Geschichten sind. Nachdem ich aus Griechenland zurückgekehrt bin, habe ich mir noch einmal die Ilias vorgenommen, das epische Gedicht Homers über die Schlacht um Troja, dieses Mal in der fantastischen Übersetzung von Emily Wilson. Da sind sie dann alle wieder, die Namen und Orte – die, die es wirklich gibt und gab, und die, die zwar fiktiv, aber wirkmächtig sind.

Tolkien hat tatsächlich genau das versucht: Er wollte eine zentraleuropäische Mythologie schreiben. Deshalb erinnern die Orte der Handlungen eben nicht an Neuseeland, wo die Filme gedreht wurden, sondern an, sagen wir mal, Hessen. Ja. Mitteleuropa, halt. Auch wenn die Sprachen, Namen und Orte von ihm erdacht worden sind, erinnern sie an Dinge, die es tatsächlich gab und gibt. Das ist Absicht. Er wollte das, was wir aus dem Alltag und aus Erzählungen kennen, mythisch überhöhen. Nicht, um aus der Realität zu fliehen, sondern um sie noch genauer in den Blick zu fassen, um etwas in ihr zu entdecken, das uns zu oft entgeht, wenn wir die Dinge um uns herum als selbstverständlich hinnehmen.

Ich mache ja, wenn ich das in aller Bescheidenheit sagen darf, mit meinen Geschichten etwas ganz Ähnliches (z. B. in meinem neuen Roman WUT. LIEBE. FILMRISS., der hoffentlich demnächst vorbestellbar sein wird. Der Veröffentlichungstermin steht leider noch nicht fest.). Ich denke mir Dinge aus, die an wirklichen Orten geschehen. Sie sind so nie passiert, geschehen aber gleichzeitig millionenfach überall auf der Welt. Deshalb sagen sie etwas aus über die Wirklichkeit, in der wir leben. Und natürlich beeinflussen sie auch die Wirklichkeit. Gute Geschichten tun das. Schlechte leider auch. Alexander der Große etwa war davon überzeugt, dass er ein Nachfahre des großen Achilles war, der vor Troja der Legende nach kämpfte, mordete und starb. Er eiferte ihm nach und eroberte mit etwa 30 Jahren die halbe Welt. Es scheint ihm niemand erzählt zu haben, dass Achilles nie existiert hat. Aber selbst wenn, hätte ihn das abgehalten? Vermutlich nicht. Für ihn waren diese Geschichten wirklich. Fiktiv oder nicht, Alexander machte daraus Realität.

Geschichten sind nicht einfach nur Geschichten. Sie sind Teil unserer Wirklichkeit. Deshalb kommt es sehr darauf an, welche wir uns erzählen und welche wir glauben.

Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!

Dein Gofi

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