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Hinschauen, Zuhören, Glauben schenken

Mein neuer Roman ist jetzt seit über einem Monat veröffentlicht. Inzwischen habe ich richtig schöne, positive Rückmeldungen erhalten von Menschen, die ihn gelesen haben oder gerade lesen. Sie erzählen mir, dass sie von der Handlung förmlich mitgezogen werden, dass sie sich immer schon auf das nächste Kapitel freuen, es spannend finden, dass der Roman so vielstimmig ist und einen Blick in so viele unterschiedliche Leben gewährt.

Über eine Rückmeldung habe ich mich ganz besonders gefreut. Denn sie nimmt Bezug auf einen Teil der Geschichte, der echt schwierig ist. In WUT. LIEBE. FILMRISS. wird eine junge Frau sexuell belästigt, setzt sich dagegen zur Wehr und muss dafür einen hohen Preis bezahlen. Das ist schwerer Stoff, der nicht leicht zu schreiben gewesen ist.

Ich finde es dennoch sehr wichtig, darüber zu schreiben, gerade auch als Mann. Sexualisierte Gewalt von Männern an Frauen und auch Femizide (ebenfalls ein Thema des Buches) sind gesellschaftliche Realität. Das haben wir Marburger gerade erst in der vergangenen Woche wieder erfahren, als eine 35‑jährige Frau erstochen im Gebüsch gefunden wurde, ganz in der Nähe eines beliebten Einkaufszentrums. Ihr Ex-Freund wurde von der Polizei gefasst und sitzt in Haft.

In der Nähe dieser Glascontainer in Marburg ist eine ermordete junge Frau gefunden worden. Kerzen und Blumen sind als Zeichen ihres Gedenkens niedergelegt worden.

Diese Realität muss benannt werden. Auch in Romanen und eben nicht nur in Sachbüchern und Zeitungsartikeln, weil wir sie in Geschichten nachempfinden können, weil Geschichten es uns ermöglichen, uns in die Gefühlswelt der Opfer, aber auch der Täter zu versetzen. Dadurch erfahren wir – hoffentlich – eine stärkere Sensibilisierung für gewisse Themen und die Möglichkeit, unseren eigenen Schattenseiten zu begegnen.

Aber es ist eben auch riskant, wenn ich mich als Mann in die Lage eines weiblichen Opfers versetze. Was kann ich schon darüber wissen, wie es sich anfühlt? Ich kann nur mein Bestes geben und mich so einfühlsam wie möglich in diese schreckliche Lage hineinversetzen.

Deshalb hat mich A.s Rückmeldung wirklich sehr gefreut. Ich habe sie gefragt, ob ich sie hier zitieren darf, und sie hat es freundlicherweise erlaubt:

„Hey, hab mir dein Buch in Dänemark in überraschender Geschwindigkeit komplett reingezogen. 🤩 Es hat mir wirklich sehr gut gefallen. Es war eine schöne Mischung verschiedener Dramen. Ganz besonders geliebt habe ich die Einschübe von Denis. Man liest fast nie Szenen aus der Sicht von autistischen Menschen oder Menschen mit Behinderungen. [E]s ist eine schöne Art der Normalisierung dieser Perspektiven. […] Als Betroffene von sexualisierter Gewalt (auch von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz) war ich sehr zufrieden mit deiner Darstellung. Und ich bin da hyperkritisch, weil natürlich einfach sehr empfindlich. Kaum jemand traut sich, diese Form der Gewalt so subtil (verhältnismäßig) darzustellen, weil man ja möchte, dass die Leser*innen verstehen, wie schlimm das ist. Viele entscheiden sich für reißerische Szenen, aber so läuft das meist nicht ab. Es ist auch so typisch, dass der Täter mal ablässt, sich zeitweise zurücknimmt und plötzlich wieder zuschlägt. Genauso wenig trauen sich die meisten, die Reaktion des Opfers so komplex darzustellen. Sie wehrt sich ja schon, aber sie versucht vorher lange, durch eine Änderung ihres Verhaltens oder durch ihre Klamotten das Unabwendbare abzuwenden. Sie sieht den Täter auch als eine komplexe Person, sieht sich in einer Abhängigkeit und kann ihn nicht nur verabscheuen. Zumindest nicht am Anfang. Und sie geht in Situationen, von denen sie weiß, dass sie heikel sind, weil sie sich beruflich weiterentwickeln möchte. Das ist sehr nah an der Realität der meisten Betroffenen.

Viele stellen das Opfersein dann infrage. Aber es ist eben alles immer sehr viel schwieriger, undurchsichtiger und komplexer, als es in Medien dargestellt wird.

Von daher auch hier ein Kompliment von mir.“

In dem Chat über WhatsApp habe ich A. erzählt, dass ich es erschreckend gefunden habe, wie leicht es mir gefallen ist, mich in die Rolle des Täters zu versetzen und seine Gefühle nachzuvollziehen. Sie schrieb mir dazu folgendes:

„Dass es dir so erschreckend leichtfiel, die Sichtweise des Täters in deinem Buch zu schreiben, ist eine voll wichtige Erkenntnis. Wir neigen immer dazu, sexualisierte Gewalt oder überhaupt Misogynie zu individualisieren, aber es ist ja ein klares gesellschaftliches Muster. Wir können uns viel besser in Täter reinversetzen als in Opfer, weil wir mit den Denkmustern der Täter sozialisiert werden und sie allgegenwärtig sind. Nicht alle führen deshalb Taten aus, aber wir alle sehen mal weg, hinterfragen schneller und intensiver die Sicht des Opfers, identifizieren uns mit der Perspektive der dominanten Gruppe, also mit (weißen) Männern, und werten die anderen schneller ab. So ticken wir leider.

Ich wünschte, mehr Menschen, vor allem Männer, würden mal die Erfahrung machen, die du gemacht hast, und sich dann weitergehend damit auseinandersetzen, warum sie diese Perspektive so gut abrufen können. Ganz ohne Schuldzuweisungen, sondern einfach als nüchterne Erkenntnis, dass wir offenbar die eine Perspektive schneller einnehmen als die andere. Ich nehme mich da nicht aus. Bis ich angefangen habe, mich von der Täterperspektive zu lösen und mal meine eigene als valide angenommen habe, sind sehr viele Jahre vergangen.“

Ich weiß, das ist alles ganz schön schwerer Stoff für einen Newsletter, der Dir helfen möchte, gut in die nächste Woche zu starten. Ich habe es Dir trotzdem zugemutet, weil es nötig ist. Wir müssen lernen, hinzuschauen, auch wenn es wehtut. Und wir müssen lernen, den Opfern von Gewalt zuzuhören und ihnen Glauben zu schenken, ganz egal, um welche Art von Gewalt es sich handelt.

Ich wünsche Dir – trotz allem – eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!

Dein Gofi

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