
Am Hafenbecken von Thessaloniki entlangzuschlendern und über das Wasser hinweg den Olymp zu sehen, das ist ein irgendwie unwirkliches Gefühl. Oder vor dem Löwen zu stehen, der die Stelle in der thessalischen Ebene markiert, an der der noch jugendliche Alexander der Große und sein Vater Philipp II. die Stadtstaaten in der Schlacht von Chaironeia besiegten und dabei die Heilige Schar fast völlig vernichteten, die Eliteeinheit Thebens, die aus lauter männlichen Liebespaaren bestand.

Oder an den Thermopylen zu stehen, den heißen Quellen, an denen 300 Spartaner unter ihrem König Leonidas die übermächtige persische Armee aufhielten.
Vielleicht kennst Du ein paar dieser Geschichten und Mythen aus dem antiken Griechenland, hast die Namen der Personen und Orte schon einmal gehört. Sie sind Teil unseres Allgemeinwissens. Wir wissen, dass es sie gibt, ohne dass wir ihnen einen besonderen Wert beimessen.
Dann aber die Orte tatsächlich zu sehen und zu erleben, das ist schon etwas anderes. Ich habe mich auf dieser Reise durch Griechenland manchmal gefühlt, als würde ich Mittelerde besuchen. Stell Dir vor, Du spazierst über die Brandyweinbrücke oder besuchst die Gräber der Könige von Rohan, oder ein Guide führt Dich durch die verlassenen Ruinen von Bruchtal: „An dieser Stelle wurde beschlossen, dass Frodo den Ring nach Mordor tragen sollte.“ So etwa.
Es ist faszinierend, wenn tatsächlich existierende Orte die Schauplätze von Geschichten sind. Nachdem ich aus Griechenland zurückgekehrt bin, habe ich mir noch einmal die Ilias vorgenommen, das epische Gedicht Homers über die Schlacht um Troja, dieses Mal in der fantastischen Übersetzung von Emily Wilson. Da sind sie dann alle wieder, die Namen und Orte – die, die es wirklich gibt und gab, und die, die zwar fiktiv, aber wirkmächtig sind.
Tolkien hat tatsächlich genau das versucht: Er wollte eine zentraleuropäische Mythologie schreiben. Deshalb erinnern die Orte der Handlungen eben nicht an Neuseeland, wo die Filme gedreht wurden, sondern an, sagen wir mal, Hessen. Ja. Mitteleuropa, halt. Auch wenn die Sprachen, Namen und Orte von ihm erdacht worden sind, erinnern sie an Dinge, die es tatsächlich gab und gibt. Das ist Absicht. Er wollte das, was wir aus dem Alltag und aus Erzählungen kennen, mythisch überhöhen. Nicht, um aus der Realität zu fliehen, sondern um sie noch genauer in den Blick zu fassen, um etwas in ihr zu entdecken, das uns zu oft entgeht, wenn wir die Dinge um uns herum als selbstverständlich hinnehmen.
Ich mache ja, wenn ich das in aller Bescheidenheit sagen darf, mit meinen Geschichten etwas ganz Ähnliches (z. B. in meinem neuen Roman WUT. LIEBE. FILMRISS., der hoffentlich demnächst vorbestellbar sein wird. Der Veröffentlichungstermin steht leider noch nicht fest.). Ich denke mir Dinge aus, die an wirklichen Orten geschehen. Sie sind so nie passiert, geschehen aber gleichzeitig millionenfach überall auf der Welt. Deshalb sagen sie etwas aus über die Wirklichkeit, in der wir leben. Und natürlich beeinflussen sie auch die Wirklichkeit. Gute Geschichten tun das. Schlechte leider auch. Alexander der Große etwa war davon überzeugt, dass er ein Nachfahre des großen Achilles war, der vor Troja der Legende nach kämpfte, mordete und starb. Er eiferte ihm nach und eroberte mit etwa 30 Jahren die halbe Welt. Es scheint ihm niemand erzählt zu haben, dass Achilles nie existiert hat. Aber selbst wenn, hätte ihn das abgehalten? Vermutlich nicht. Für ihn waren diese Geschichten wirklich. Fiktiv oder nicht, Alexander machte daraus Realität.
Geschichten sind nicht einfach nur Geschichten. Sie sind Teil unserer Wirklichkeit. Deshalb kommt es sehr darauf an, welche wir uns erzählen und welche wir glauben.
Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!
Dein Gofi