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In was für einer Welt möchtest Du gerne leben?

Gestern stand ich gemeinsam mit etwa 3000 Menschen im strömenden Regen vor der Marburger Stadthalle. Wir demonstrierten. „Keine Macht der AfD“ hieß das Motto, und es war ermutigend zu sehen, dass so viele Menschen sich auch durch das ungemütliche Wetter nicht abhalten ließen, ihre klare Haltung deutlich zu machen.

Die Redner*innen gaben sich alle Mühe, einen guten Job zu machen. Aber je länger ich zuhörte, desto unruhiger wurde ich. Alles, was auf der Bühne gesagt wurde, wussten wir, die wir vor der Bühne standen, bereits: dass die Rechte von behinderten Menschen nicht beschnitten werden, dass Menschen mit Migrationsgeschichte nicht benachteiligt und diskriminiert werden dürfen, dass diese Partei in ihren Forderungen russische Staatspropaganda verbreitet und dass sie klimaschützende Maßnahmen zurückschneiden will. Und dass es natürlich nicht sein darf, dass Menschen an die Macht kommen, die Nazi-Parolen und -Positionen vertreten, weil wir alle nicht vergessen haben, wie die Geschichte das letzte Mal ausging, als das der Fall war. 

Wir wussten das alles. Deshalb waren wir hier, während uns das kalte Wasser den Rücken hinunterlief. Wir alle warteten auf Impulse von der Bühne, die uns elektrisierten, die uns klarmachten, wofür wir uns positiv gemeinsam einsetzen wollten, jetzt, heute, im September 2026. Aber die kamen nicht. Es wurden kaum Visionen formuliert, hinter die wir uns stellen konnten. Stattdessen wurde uns gesagt, was alles nicht passieren durfte. Das fand ich enttäuschend.

Am Samstag haben wir bei Hossa Talk mit Anna Böck gesprochen. Anna ist Theologin und Aktivistin. Sie hat sich an Aktionen der letzten Generation beteiligt und darüber ein Buch geschrieben: „Ausgeschöpft? – Glauben in der Klimakatastrophe“ heißt es. Anna hat uns sachlich und nachvollziehbar erklärt, warum sie diese Form des Protests sinnvoll findet und was sie dazu motiviert. Und sie fordert die Leserschaft mit einer Frage heraus: In was für einer Welt möchtest Du gerne leben?

Ich habe über diese Frage nachgedacht, als ich im Anschluss an das Gespräch nachts wieder nach Hause fuhr. Dabei hörte ich im Autoradio ein Interview mit einem Unternehmensberater, der gemeinsam mit Firmen Lösungen erarbeitet, die in eine Krise geraten sind. „Das Wichtigste ist es“, sagte er, „dass Sie eine Vision formulieren, hinter die sich alle im Betrieb stellen können. Wenn ihnen das gelingt und wenn Sie in der Lage sind, diese Vision zu vermitteln, dann werden Sie erleben, dass Menschen bereit sind, sich wirklich dafür einzusetzen und sogar Opfer zu bringen.“ 

Das alles klingt am heutigen Montagmorgen noch in mir nach. Welcher Vision für unsere Gesellschaft möchte ich gerne folgen? Wie sieht die Welt aus, in der ich gerne leben möchte? Und was bin ich bereit, dafür zu tun? Vielleicht hast Du auch Lust, darüber nachzudenken.

Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!

Dein Gofi

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