Gestern, während die Wahl in Sachsen-Anhalt noch lief, habe ich mich mehrere Stunden lang mit der Kunst von Joseph Beuys beschäftigt.
Ich weiß nicht, ob Dir der Name etwas sagt. Seine größte Bekanntheit hatte er in den siebziger und achtziger Jahren. Man erkannte ihn sofort an seinem Hut, seiner Anglerweste und seinen verschwurbelten, unendlich langen Monologen.
Einige spektakuläre Performances haben ihn in der deutschen Kunstgeschichte verewigt, z. B. wie er mit goldener Farbe angestrichen einem toten Hasen die Kunst erklärte. Aber auch seine Aktion Stadtverwaldung, bei der er 7000 Eichen in Kassel pflanzen ließ, sind im Gedächtnis geblieben. Diese Bäume stehen immer noch und prägen bis heute Kassels Stadtbild. 1986 starb Beuys an einer Lungenentzündung mit Mitte sechzig.
Ich bin kein Fan. Gestern habe ich versucht, mir einen Vortrag eines seiner Schüler anzuhören und habe nach der Hälfte ausgemacht. Es klang zu sehr nach dem Meister: Ein älterer Mann erklärt in schwurbeliger Sprache die Welt und greift dabei auf gefährliches Halbwissen, einige solide Beobachtungen und esoterischen Quatsch zurück.
Und trotzdem hat Beuys seit knapp 20 Jahren einen großen Einfluss auf mich. Was mich vor allem an ihm fasziniert, ist seine Erweiterung des Kunstbegriffes. Beuys hatte kein Problem damit, wenn sich Kunst und Politik vermischten. Er verstand seine Arbeit als bewusstes Einflussnehmen auf die Gesellschaft. Deshalb lieh er sich Gedanken und den Begriff „soziale Plastik“ bei dem Anthroposophen Rudolf Steiner.
Unter Kunst verstand er kreatives, formendes Handeln. Die Gesellschaft war für ihn ein Gesamtkunstwerk, an der alle Menschen beteiligt waren, weil es gar nicht anders ging. Deshalb sagte er: „Alle Menschen sind Künstler.“ Er meinte damit nicht, dass in uns allen irgendwie ein*e kleine*r Künstler*in schlummert, dass wir alle künstlerische Energie haben, die wir nur wecken brauchen, und sei es als Hobby, und dass es letztlich wurscht ist, ob man die Kunst beruflich macht oder ‚nur’ privat.
Für ihn waren wir alle an einem großen Kunstwerk beteiligt. Deshalb haben wir auch eine gewisse Verantwortung, dort, wo wir leben und arbeiten, unseren Teil beizutragen. Seine Kunst bestand unter Anderem darin, Institutionen zu schaffen, die das ganz konkret möglich machen sollten. So schuf er die „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“, die „Free International University“ und schließlich die ‚Stadtverwaldung‘ durch das Projekt „7000 Eichen“.
Okay. Die Bäume stehen noch. Die Organisation und die Universität mag es noch irgendwo in Düsseldorf oder sonstwo geben oder auch nicht. Und jetzt? War Beuys mit seiner Kunst erfolgreich? Vielleicht nicht unbedingt mit den konkreten Aktionen selbst. Aber seine Gedanken und Ideen sind immer noch da.
Ich bin Kunstagnostiker. Ich weiß nicht, wieviel verändernde Kraft ich der Kunst zutraue. Manchmal mehr, manchmal weniger. In dieser Hinsicht, glaube ich, war Beuys zu optimistisch, wenn er die Kunst als das eigentliche Kapital einer Gesellschaft bezeichnete.
Aber ich glaube, daran, dass etwas Schönes geschieht, wenn Menschen sich das gemeinsam als Ziel vornehmen und zusammen daran arbeiten. Ich glaube auch an das Gespräch untereinander und miteinander (das eigentliche Anliegen der „Free University“). Und ich glaube, dass schöne, gemeinsame Erlebnisse verändernde Kraft haben, dass sie Menschen und damit auch Verhältnisse ändern können.
Dafür gibt es großartige Beispiele, zum Beispiel den Verein Polylux in Neubrandenburg (Mecklenburg-Vorpommern), der mit seinem Leitspruch „Mach was Schönes“ ganz konkret gesellschaftliche Verhältnisse verändert – und damit Populisten und Hetzern den Wind aus den Segeln nimmt.
Wenn Beuys das gemeint hat, bin ich doch ein Fan. Und deshalb arbeite ich auch im Anschluss an seine Ideen im Rahmen meiner künstlerischen Arbeit für das Entstehen und Gedeihen von Communities, zum Beispiel im Rahmen von Hossa Talk, durch die Angebote der Webseite Hossarchie oder auch durch meine Zusammenarbeit mit openSPACE aus Fulda und UND/Marburg.
Und wenn sich dabei die Grenzen zwischen Kunst, Religion, Politik und Wirtschaft verwischen, kann mir das ähnlich egal sein wie ihm. Denn er hat recht gehabt: Es ist tatsächlich nötig.
Nach dem gestrigen Wahlsonntag in Sachsen-Anhalt mehr denn je.
Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag.
Dein Gofi