Neulich war meine Freundin bei ihrer Freundin zu Besuch. Diese Freundin weiß ein wenig Bescheid über das, was ich beruflich mache, und dass ich mich häufig öffentlich über den christlichen Glauben äußere. Sie selbst ist nicht religiös. Meine Freundin erzählte ihr, dass demnächst mein neuer Roman erscheint, und schilderte kurz, worum es darin geht. Da sagte ihre Freundin: „Ach, das ist gar kein Christenbuch? Dann kann ich das ja auch lesen.“
Da hat sie vollkommen recht. Es ist kein christliches Buch, es ist nur von einem Christen geschrieben. Das bedeutet natürlich nicht unbedingt, dass man das beim Lesen bemerkt. Und das ist vielleicht für manche verwirrend. Wenn jemand religiös gläubig ist und das auch noch öffentlich, und wenn diese Person außerdem Kunst macht, müsste man das dann nicht der Kunst anmerken? Das ist zumindest ein naheliegender Gedanke.
Er ist so naheliegend, dass diese Tatsache, dass ich beides mache – mich öffentlich zum christlichen Glauben äußern und Kunst – meine Laufbahn als Künstler nicht leichter gemacht hat. Denn es hat einerseits dazu geführt, dass christliche Menschen enttäuscht waren, wenn sie gemerkt haben, dass meine Kunst keine christlichen Themen aufgreift (zumindest nicht sehr offensichtlich). Und es hat bei nicht-religiösen Menschen zu Berührungsängsten geführt, weil sie befürchtet haben, dass das, was ich künstlerisch mache, zu christlich sei.
Du siehst das bestimmt so wie ich: Es ist doch eigentlich wurscht, welches Label irgendwo draufklebt. Grundsätzlich können sich alle doch erst einmal alles anschauen und dann entscheiden, ob es ihnen gefällt oder nicht.
Ja, in der Theorie stimmen wir wahrscheinlich alle zu. In der Praxis jedoch sind wir mit einer Überfülle an Möglichkeiten gesegnet (manche würden sagen: gestraft). Deshalb helfen Labels schon. Zur Orientierung, um von vornherein ausschließen zu können, womit wir uns nicht beschäftigen müssen. Damit wir Zeit und Energie sparen. Das ist verständlich.
Deshalb haben es Grenzgänger so schwer. Sie gehören weder klar zum einen, noch zum anderen Lager und werden deshalb häufig übergangen. Das erinnert mich ein wenig an die Nashi.

Der Nashi wird nachgesagt, sie sei eine Kreuzung aus Birne und Apfel. Das ist leider nicht wahr, denn wenn es so wäre, könnten wir sagen, dass man Birnen und Äpfel zwar nicht vergleichen soll, aber immerhin kreuzen kann. Tatsächlich ist die Nashi eine asiatische Birnenform (nashi heißt auf Japanisch „Birne“), die wie ein Apfel aussieht und geschmacklich zwischen Birne und Apfel liegt. Deshalb bezeichnen sie manche auch als Bapfel oder Birpfel.
Sie liegt also dazwischen und verbindet das Beste aus beiden Welten, könnte man sagen. Und ist das nicht toll? Kann man diese Grenzgängerin nicht einfach nur beglückwünschen, dass sie den Mut hat, sich nicht festzulegen, und ihr dankbar sein, dass sie uns dadurch an einer ganz neuen Geschmackswelt teilhaben lässt?
Unter uns gibt es viele Grenzgänger*innen, Menschen, die sich in mehreren unterschiedlichen Welten zu Hause fühlen. Sie haben es nicht leicht, weil sie Gefahr laufen, dass sie in keiner dieser Welten so richtig verstanden werden. Aber falls Du solch eine Person sein solltest, dann möchte ich Dir gerne danken. Danke, dass Du Dich traust, Dich nicht festzulegen. Danke, dass Du mit uns Erfahrungen teilst, zu denen wir ohne Dich keinen Zugang hätten. Danke, dass Du neue Verbindungen, neue Gedanken und Ideen ermöglichst, von denen wir alle profitieren können.
Bitte, bleibe dabei. Lege Dich nicht auf eine Seite fest. Löse die Spannung nicht auf. Das ist manchmal anstrengend und unangenehm. Aber wir brauchen Dich, um dazulernen zu können.
Wir anderen sollten währenddessen nett sein zu unseren Nashis und sie nicht zwingen, sich auf Apfel oder Birne festzulegen. Das hilft nicht nur ihnen, sondern auch uns, denn es macht uns alle reicher.
Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!
Dein Gofi