Zum Inhalt springen

Melanie rächt sich (TimTom-Guerilla-Kurzgeschichte)

Sie atmete erleichtert auf, als die Haustür ins Schloss fiel und die Schritte ihres Vaters sich entfernten. Ihre Mutter war schon vor einer halben Stunde zur Arbeit gegangen, und jetzt war sie allein. Allein mit fünf Männern, die noch schliefen.

Eigentlich musste auch sie sich auf den Weg zur Schule machen. Das Gymnasium war zwar nicht weit entfernt, aber zu Fuß würde sie gut fünfzehn Minuten brauchen, und es war schon kurz nach halb acht. Sie stand im Flur und betrachtete ihre Jacke, die am Garderobenhaken hing.

Die fünf Typen waren eine Punkband und ihr Manager. Dass sie ausgerechnet im Haus der Lüders übernachteten, war einem völlig verrückten Zufall zu verdanken, einem Zufall, wie ihn sich Melanie in ihren kühnsten Träumen nicht hatte ausmalen können.

Der Manager war ein alter Studienfreund ihres Vaters. Bernhard Lüders war der letzte, dem sie eine Bekanntschaft zu irgendjemandem aus der Kunst- oder Musikwelt zugetraut hätte. Er war korrekt, zuverlässig, erfolgreich, humorlos und streng. Sie hasste ihn, auch wenn sie sich das niemals anmerken ließ, sondern ihre Wut hinter einer Fassade aus Schweigsamkeit und Gehorsam verbarg.

Scheinbar hatte die Band für ihr gestriges Konzert kein Quartier gefunden. Deshalb hatte der Manager spontan ihren Vater gefragt, ob es möglich sei, dass sie bei ihnen übernachteten. Ihr Vater hatte geschäumt, als er die E-Mail gelesen hatte. Dann aber hatte er sein Einverständnis gegeben, nicht etwa aus Nachsehen, sondern weil er nicht als gastunfreundlicher Geizkragen dastehen wollte.

Gestern also hatte Melanie etwas getan, was sie in ihrem ganzen Leben noch nie getan hatte und was sie, das schwor sie sich hoch und heilig, auch nie wieder tun würde: Sie hatte zusammen mit ihrem Vater ein Rockkonzert besucht. Natürlich war es zu dem erwartbaren Fiasko gekommen.

Nach dem Auftritt, der ganz in Ordnung gewesen war, wollten die Musiker im Backstage-Bereich des Kulturladens noch ein wenig feiern. Und natürlich hatte Melanie gehofft, dass sie als Gastgeber mitfeiern würden.

Aber für ihren Vater war das überhaupt nicht in Frage gekommen. Er hatte alle aufgefordert, die Sachen zu packen und aufzubrechen, und dafür hatte er sie – ausgerechnet sie! –  als Vorwand benutzt: Es sei ja schon spät, und seine Tochter müsse am nächsten Tag wieder zur Schule gehen.

Melanie war außer sich gewesen. Aber auf der Fahrt von Wetzlar, wo das Konzert stattgefunden hatte, nach Gießen, wo das Haus der Lüders stand, hatte sie sich vorgenommen, sich an ihrem Vater zu rächen. Und sie wusste auch wie. Sie würde sich von einem der Musiker entjungfern lassen.

Ihr fielen mehrere gute Gründe ein, warum sie das Recht hatte, ihr Leben zu hassen: Ihr Vater war ein Arschloch, ihre Schulleistungen schlecht und ihr Freund ein Schlappschwanz. Aber ihr größter Kummer …

Kommentare sind geschlossen, aber Trackbacks und Pingbacks sind möglich.

Holler Box
Jeden Montag verschicke ich das GOFIGRAMM: Gedanken, Ideen, Gedichte ... für einen guten Start in Deine Woche. Hier einfach anmelden und ab Montag das Gofigramm empfangen.
Holler Box