Es ist merkwürdig. Wenn große Ereignisse geschehen, geht das Leben oft dennoch ganz normal weiter. Ein Mensch geht. Ein Erfolg wird errungen. Ein Lebensabschnitt wird abgeschlossen. Diese Ereignisse sind Zäsuren, an die wir uns später erinnern werden. Damals, als Werder Meister wurde, als Opa starb, als ich mein Studium abschloss, als wir uns verlobten, als ich krank wurde. Und natürlich verändern sie auch etwas in unserer Wahrnehmung, unserer Art, zu leben, und wie wir auf die Zukunft blicken.
Und dennoch. Draußen, vor dem Fenster, geht die Sonne auf, Vögel bauen ihre Nester, Menschen gehen zur Arbeit, eine Straßenbahn rasselt vorbei. Als wäre nichts geschehen. Und so ist es ja auch. Oder vielmehr: Es passiert ständig irgendetwas, und zwar so viel, dass meine kleinen Ereignisse nur ein Teil des großen Stroms sind. Wenn wir hineinzoomen, erkennen wir einzelne individuelle Ereignisse. Von weiter weg betrachtet aber, ist das Leben einfach das Leben.
Da stellt sich die Frage, wie wichtig das überhaupt ist, was ich erlebe und was mit mir geschieht. Ich habe mich irgendwann gefragt, warum ich mich so sehr darüber freuen soll, dass meine Fußballmannschaft einen Pokal erringt, wenn schon in wenigen Wochen alles wieder von vorn beginnt und die nächste Niederlage sich so anfühlt, als würde die Welt untergehen.
Sicher, es ist nur Fußball. Aber ist es mit anderen Dingen nicht auch so? Vielleicht kennst Du das Gefühl, Dich Monate auf eine Prüfung vorbereitet zu haben. Dann hast Du sie bestanden. Und nachdem die Euphorie abgeklungen ist, folgt der Kater: Und jetzt? Was kommt jetzt? Die nächste Herausforderung.
Vielleicht hilft es manchmal, bewusst aus unserem persönlichen Ergehen herauszuzoomen und uns als Teil eines großen Ganzen zu verstehen. Vor längerer Zeit schon habe ich in einem Buch des Theologen Leonardo Boff gelesen, dass es gute Gründe dafür gibt, den gesamten Planeten Erde als einen großen Organismus zu begreifen, der von kleineren Lebewesen bewohnt wird und deren Leben mit seinem Leben unmittelbar zusammenhängen. Das ist vergleichbar mit unserem Körper, in dem unzählige winzig kleine Lebensformen entstehen, wohnen und sterben. Täglich.
Nein, ich möchte mich nicht mit einer Darmbakterie vergleichen. Aber ich wäre gerne Teil von etwas Größerem, das fortbesteht, wenn ich gegangen bin. Und das Schöne ist: Das bin ich bereits, Teil der Erde, Mitglied einer großen Gemeinschaft.
In den vergangenen Tagen habe ich seit Längerem mal wieder Liedtexte geschrieben. Mein Freund Martin Denzin ist Musiker und wird im Juni mit mir gemeinsam auf Tour gehen, um Ausschnitte aus meinem neuen Roman WUT. LIEBE. FILMRISS. vorzulesen und dazu eigene Songs zu spielen. Diese Lieder geben Szenen wider oder Konflikte und Gedanken der Protagonist*innen. Einer der Texte passt gut zu obigen Gedanken. Es ist mir wichtig zu betonen, dass er keine Botschaft enthält, sondern die Gedanken eines Charakters wiedergibt. Aber auch die können ja hilfreich sein.
Der große Strom
Du hast kapiert
Dass das Leben endlich ist
Darum liebst du jeden Augenblick
Und du nimmst mit
Was auch immer dir geschieht
Weil es alles Teil des Lebens ist
Du weißt
Irgendwann ist Schluss
Wann und wie weiß keiner so genau
Bis dann
Halten wir nicht an
Der große Strom trägt jeden weit hinaus
Der große Fluss
Zieht gemächlich weit ins Meer
Und die Angst wiegt plötzlich nicht mehr schwer
Und ziehst du mit
Ist die Einsamkeit vorbei
Weil wir alle Teil des Zuges sind
Du weißt
Irgendwann ist Schluss
Wann und wie weiß keiner so genau
Bis dann
Halten wir nicht an
Der große Strom trägt jeden weit hinaus
Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!
Dein Gofi