Dies ist ein Auszug aus meinem Roman Wut. Liebe. Filmriss., der bald im Verlag ruach.jetzt erscheinen wird. ‘Der Mann, der schreibt’ ist eine Figur, die darin immer wieder auftaucht und das Geschehen kommentiert.
Der Mann hat geschrieben. Immer und immer wieder hat er sich hingesetzt und Worte geschrieben, während der Planet sich weitergedreht hat. Während geliebte Menschen gegangen und dann wiedergekehrt sind. Während vergangene Sicherheiten und Überzeugungen plötzlich nicht mehr sicher waren. Wenn er die Nachrichten liest, scheint es, als sei die ganze Welt verrückt geworden. Doch draußen vor seinem Fenster ist alles wie immer.
Die Vögel, die den Winter überlebt haben, zwitschern. Entkräftete Eichhörnchen suchen nach Nahrung. Eine fremde Katze streift durchs Beet. Der Mann tritt vor die Tür und erklärt ihr freundlich, aber ernst, dass sie sich ein anderes Klo suchen muss. Sie flieht. Ein zweiter Mann erscheint. Die Katze gehört ihm. Er lacht verlegen und beteuert, dass sie nicht vorgehabt habe, ins Beet zu scheißen. Der Mann, der schreibt, glaubt ihm nicht, bleibt aber freundlich. Er verabschiedet sich und geht zurück ins Haus, obwohl er den Eindruck hat, dass der Besitzer der Katze sich mit ihm unterhalten möchte.
Der Mann liest, was er geschrieben hat. Die Spülmaschine gurgelt und plätschert in einem durchgängigen, wiederkehrenden Rhythmus. Das Smartphone auf dem Tisch summt. Jemand hat eine Nachricht geschrieben. Der Mann ignoriert das. Er spürt seinen Geschichten nach. Er spürt dem Leben in dieser Welt nach. Dem Wahnsinn, dem Schmerz, dem Hunger, der Hoffnung, der Freude über Dinge, die von Neuem beginnen, während andere unweigerlich enden.
Es ist alles immer gleichzeitig, denkt er. Es ist die Gleichzeitigkeit. Es ist die Spannung in dieser Gleichzeitigkeit, die wir auflösen wollen. Aber das wird uns nie gelingen. Zum Glück.
Der Mann klappt sein Notebook zu und geht die Vögel füttern.