Heute Morgen beim Aufstehen habe ich gelesen, dass ein erzkonservativer christlicher Leiter aus den USA namens McArthur sich über eine progressive Predigerin lustiggemacht und sich über den zunehmenden Einfluss von Frauen in der Kirche beklagt hat. Ich bin immer wieder darüber erstaunt, dass sich die religiöse Welt als etwas von der Gesellschaft Abgesondertes versteht und nicht zu begreifen scheint, dass die ganz normalen gesellschaftlichen Prozesse in ihr genauso stattfinden wie überall sonst auch. Wenn auch ein bisschen später.

Im Moment lese ich ‚Propaganda’ von Stefan Kopetzky. Die Hymnen auf diesen Roman in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen, der Zeit, der Frankfurter Rundschau und wie sie alle heißen verstehe ich nicht so recht. Er ist nicht schlecht. Eigentlich finde ich, es ist eher ein interessantes, als Roman getarntes Sachbuch. Besonders spannend finde ich die Schilderung, wie der amerikanische Propagandaapparat direkt nach dem zweiten Weltkrieg in Europa eine Art liberal-progressiven Think Tank installiert, in den sie Journalisten, Schriftsteller und andere Intellektuelle berufen, und Redaktionen etablieren, die in der nachfolgenden Zeit für die Berichterstattung und die Meinungsbildung verantwortlich sind. Das alles in einer Zeit, in der die USA selbst unter Truman und McCarthy stramm nach rechts wandern, so dass die (inzwischen ehemaligen) Propagandakrieger ein losgelöstes liberales Raumschiff fern vom Mutterkontinent bilden.

Das widerspricht natürlich so ein bisschen dem Mythos, dass das progressive Denken eine Folge des nüchternen Nachdenkens, des gesunden Abwägens guter Argumente ist. Es beschleicht einen das Gefühl, dass wir alle nur Teil eines Ringes zweier großer ideologischer Lager sind, die sich gegenseitig beharken und mal überlegen und mal unterlegen sind, je nach Stimmung und gesellschaftlicher Lage. Ich hoffe, das ist nicht der Fall. Wenn es aber so wäre, dann wüsste ich schon, auf welcher Seite ich stehe.

Noch mal zur ‚Propaganda‘: Rein informativ betrachtet ist es ein lesenswertes Buch, literarisch jedoch ist es eine Enttäuschung.

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